Buchrezension: Cornelia Funke und Guillermo del Toro: Das Labyrinth des Fauns

Das Labyrinth des Fauns
Das Cover von „Das Labyrinth des Fauns“

OT: The Labyrinth of the Faun
Autoren: Cornelia Funke und Guillermo del Toro
Erschienen: 2019, Frankfurt: Fischer Verlag
Seiten: 320

Wenn schlimme Dinge passieren, dann gibt es viele Möglichkeiten, um den Dingen zu entfliehen. So kann man sich zum Beispiel in seine eigene Fantasie flüchten, um die Umstände besser ertragen zu können. Genau das tut die kleine Ofelia, ein Mädchen, das am Ende des Zweiten Weltkriegs in Spanien lebt, um den Schrecken ihres herrischen und grausamen Stiefvaters zu entfliehen.

Kommt mit in die magische Welt, die der Regisseur Guillermo del Toro zunächst in seinem Film „Pans Labyrinth“ aus dem Jahr 2006 erschuf. Zusammen mit der deutschen Autorin Cornelia Funke und dem Illustrator Allen Williams hat er diese fantastische Gesichte in die Form eines Romans gebracht.

Worum geht’s?

Ofelia und ihre Mutter ziehen im Jahr 1944 zu dem neuen Mann ihrer Mutter. Er wohnt am Rande des Waldes, an einer verlassenen Mühle. Doch Ofelias neuer Stiefvater ist kein netter Mann. Er ist Capitán Vidal, der die letzten verbliebenen Rebellen von diesem Standort aus mit aller Macht und Grausamkeit bekämpft.

In dieser fürchterlichen Welt flüchtet sich Ofelia in ihre Fantasiewelt. Sie entdeckt ein geheimnisvolles Labyrinth, in dem sie dem Faun das erste Mal begegnet. Er stellt ihr drei Aufgaben, denn er erkennt in ihr die verschollene Prinzessin des unterirdischen Königreichs wieder. Nach Bestehen dieser drei Aufgaben soll sie wieder in ihr ursprüngliches Reich zurückkehren. Wird Ofelia diese Aufgaben meistern?

Die Schrecken des Krieges in den Augen der Kinder

Einen Krieg zu erleben, ist immer etwas Schreckliches. Vor allem für Kinder hat das traumatisierende Folgen. In „Das Labyrinth des Fauns“ ist es allerdings der Stiefvater, in dem der Schrecken lauert.

Capitán Vidal ist ein grausamer Mensch, der Gefallen daran findet, andere Menschen zu quälen. Er tut es nicht nur allein wegen des Bestrafens, sondern weil er es genießt. Diese Art von Mensch ist brandgefährlich, denn ihn interessieren weder die Rebellen, noch verletzte Menschen und schon gar nicht seine neue Frau und seine Stieftochter. So sind sowohl Ofelia als auch ihre Mutter ihm lästig; lediglich das Kind, das Ofelias Mutter in sich trägt, ist für ihn von Interesse. Ein starker und streng erzogener Junge soll er werden. Ofelia – sie ist Vidal regelrecht ein Dorn im Auge. Nicht nur einmal versucht er, ihr das Leben zu nehmen…

Dem gegenüber steht die junge Ofelia. Sie ist ein sensibles Mädchen, das Geschichten liebt. Ihre Fantasie trägt sie an magische Orte. Besonders, als sie mit ihrem Stiefvater bekannt gemacht wird, flüchtet sie sich in eine andere Welt, in der sie spannende Abenteuer besteht.

„Ihr Vater war nur ein Jahr zuvor gestorben, und Ofelia vermisste ihn so sehr, dass ihr Herz sich zuweilen wie eine leere Schatulle anfühlte, die nichts außer dem Widerhall ihres Schmerzes enthielt.“ (S.9).

So verschmelzen in „Das Labyrinth des Fauns“ zwei Welten miteinander. Ofelia erlebt ihre magischen Abenteuer an ganz realen Plätzen, doch wir werden mit in ihre Fantasie genommen und können plötzlich Türen durch Kreidezeichnungen entstehen lassen; wir können mit einem großen Kröterich reden und in den Kellergewölben begegnen wir einer grausigen Kreatur, die keine Augen besitzt.

All die Geschöpfe, denen sie begegnet, scheinen direkt aus unseren schlimmsten Albträumen zu kommen. Vor allem das augenlose Monster lässt den Leser nicht mehr los. Es stellt sich nämlich heraus, dass er doch Augen besitzt – eingepflanzt in seine Handflächen, die er an sein Gesicht an die Stelle der Augen halten muss, um etwas zu sehen. So wird die Kreatur zu einer Metapher für das Sehen des Schreckens. Das Sehen des Schreckens des Kriegs, dem man oftmals einfach ausweichen möchte, indem einem die Fähigkeit des Sehens – und Erkennens – genommen wird.

Auch der Faun, ein seltsames Mischwesen, ist freundlich und unheimlich zugleich. Ofelia vertraut sich ihm jedoch an; und schon bald lernen wir seine tragische Geschichte ebenso kennen.

„Die Äste, unter denen er saß, überschütteten ihn mit Blüten, doch seine Geliebte konnte ihn nicht mehr in die Arme schließen oder seine Lippen küssen. Er verspürte einen solchen Schmerz in seinem wilden, furchtlosen Herzen, als er den Baum streichelte, dass seine Haut – die damals noch mit seidigem Fell bedeckt war – so rau und hölzern wurde wie die Rinde seiner verlorenen Liebe.“ (S. 236).

Ein Merkmal des Buchs ist es, dass die eigentliche Geschichte um Ofelia sich mit Geschichten wie aus einem Märchenbuch abwechseln. Wir lernen darin den König und die Königin des unterirdischen Reichs kennen, wir erfahren, was es mit der Taschenuhr, die den Tod anzeigt, auf sich hat und wir lernen die Geschichte des Kröterichs sowie die traurige Liebesgeschichte des Fauns kennen. All diese Märchenfiguren stehen jedoch für sehr reale Personen und Geschehnisse, die der aufmerksame Leser herausfinden kann.

Einfache und berührende Worte

„’In consiliis nostris fatum nostrum est‘, stand dort.
‘In unseren Entscheidungen bestimmt sich unser Schicksal.‘“ (S.18)

Was auffällt, ist, dass es unglaublich leicht ist, in die Geschichte hineinzufinden. Das liegt in meinen Augen vor allem an Cornelia Funke als erfahrene Kinderbuchautorin. Behutsam, aber doch nicht mit Samthandschuhen angepackt, führt uns die Autorin in eine fantastische Welt, die eine Flucht aus der Grausamkeit des realen Lebens darstellt.

Trotz der einfachen Schreibweise mangelt es dem Buch keinesfalls an tiefgründigen Szenen und Textstellen. So war ich mehrfach zu Tränen gerührt ob einfacher Sätze, welche es jedoch geschafft haben, eine Saite in mir erklingen zu lassen. Als Leser sind wir ganz bei der kleinen Ofelia, die man einfach nur ins Herz schließen kann.

Die Illustrationen in diesem Buch tun ihr Übriges. Der Illustrator Allen Williams hat den Worten der beiden Autoren eine künstlerische Form verliehen, die natürlich auch an Guillermo del Toros Film „Pans Labyrinth“ erinnern. Ich könnte die Zeichnungen immer wieder durchblättern, denn alleine sie transportieren so viel Gefühl.

Illustration von Allen Williams
Die Illustrationen von Allen Williams sind wunderschön!

Eines ist jedoch ganz wichtig zu erwähnen bei diesem Buch: Es handelt sich trotz der kindlichen Protagonistin und der märchenhaften Welt nicht um ein Kinderbuch! Meiner Meinung nach ist es für Jugendliche geeignet, die bereits etwas über den Zweiten Weltkrieg gelernt haben und die darauf vorbereitet sind, dass nicht jede Geschichte ein Happy End hat.

Das Labyrinth des Fauns“ ist, das weiß ich jetzt schon, definitiv eines meiner Jahreshighlights. Es fängt die Stimmung des Films „Pans Labyrinth“ perfekt ein und offenbart uns die sensible Seele eines Mädchens, das mit dem Grauen des Krieges aufwachsen muss. Große Leseempfehlung!

Nun seid ihr dran: Habt ihr das Buch bereits gelesen? Und wie hat euch der Film „Pans Labyrinth“ gefallen? Erzählt mir gerne von euren Eindrücken in den Kommentaren!

Meine Bewertung im Detail

Handlung ♥♥♥♥♥

Charaktere ♥♥♥♥♥

Sprache ♥♥♥♥♥

Emotionen ♥♥♥♥♥

Gesamt 5/5

Ein Kommentar zu „Buchrezension: Cornelia Funke und Guillermo del Toro: Das Labyrinth des Fauns

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