Filmrezension: „Joker“. Porträt einer Krankheit und einer Gesellschaft

Joker Filmposter
Quelle: https://www.slashfilm.com/joker-poster/

OT: Joker; USA 2019; Regie: Todd Phillips; Produktion: Todd Phillips, Bradley Cooper, Emma Tillinger Koskoff; Laufzeit: 122 min.; FSK: ab 16

“For my whole life, I didn’t know if I even really existed. But I do. And people are starting to notice.”

Vor Kurzem habe ich zusammen mit einer Freundin den DC-Film „Joker“ gesehen. Eine Weile habe ich gebraucht, um den Film zu verarbeiten und ihn irgendwie einzuschätzen. Geht es euch damit so ähnlich wie mir? Dann taucht noch einmal kurz mit in den Film ab und lasst uns am Ende gerne diskutieren!

Joker“ ist ein Porträt des uns allzu bekannten Gegenspielers von Batman aus dem DC-Universum. Ich habe mich vorher gar nicht so sehr über den Film informiert, daher war ich tatsächlich überrascht, dass wir es hier keinesfalls mit einem normalen Superheldenfilm zu tun haben!

Im Gegenteil, denn Joker, der eigentlich Arthur Fleck heißt, führt absolut kein Superheldenleben. Wir lernen ihn als Mann mittleren Alters kennen, der noch bei seiner Mutter lebt und kein leichtes Dasein führt. Schon der Beginn des Films zeigt uns einen manisch lachenden Arthur, der bei seiner Therapeutin sitzt. Arthur hat eine psychische Krankheit, die ihn dazu zwingt, in den unpassendsten Situationen endlos lang zu lachen. Er führt deshalb ein Kärtchen mit sich, das er den Menschen in seiner Umgebung in die Hand drückt, wenn mal wieder alles zu viel wird.

Arthur steht am Rande der Gesellschaft. Als Partyclown verdient er sich sein weniges Geld, aber unter seinen Kollegen ist er eine Lachnummer und wird immer wieder aufgezogen. Dabei will Arthur doch nur eines: Ein Stand-up-Comedian werden!

Der Mann, der später der Joker werden soll, ist zunächst Opfer von Gewalt: junge Typen verprügeln ihn und daraufhin steckt ihm sein Arbeitskollege eine Waffe samt Kugeln zur Selbstverteidigung zu. Dabei darf er aufgrund seiner Krankheit eigentlich gar keine Waffe besitzen…

Eine Spirale zieht Arthur schließlich immer weiter hinunter. Seiner Mutter geht es schlecht: Sie schreibt Briefe an ihren ehemaligen, sehr reichen Chef Thomas Wayne, der nun Bürgermeister von Gotham City werden will und erhofft sich Hilfe von ihm. Arthur verliert seinen Job, weil er den geschenkten Revolver mit in ein Kinderkrankenhaus zu einem Auftritt bringt; und schließlich wird er in der U-Bahn so lange von drei reichen Typen bedrängt, bis er diese aus Notwehr erschießt. Die Bühne zur Verwandlung in den Joker ist somit frei…

Porträt einer psychischen Krankheit, die Suche nach einem Vater oder die Zeichnung einer Gesellschaft in Schieflage?

Diese Fragen habe ich mir nach dem Film gestellt. Wir bekommen hier Arthurs Krankheit, seine Selbstzweifel, seinen Hass und sein Außenseitertum intensiv mit. Von Sekunde 1 steht zunächst seine Krankheit im Vordergrund, obwohl diese nicht wirklich benannt wird. Dennoch bekommen wir mit, wie schwierig es für ihn ist, damit zu leben und diese – mithilfe von Medikamenten und einer Sozialarbeiterin – zu akzeptieren. Schnell wird jedoch klar, dass die Sozialarbeiterin eigentlich nur Dienst nach Vorschrift macht und sich kaum für den seelisch kaputten Mann interessiert.

You don’t listen, do you? You just ask the same questions every week. „How’s your job?“ „Are you having any negative thoughts?“ All I have are negative thoughts.

Als Zuschauer ist man mehr als geneigt, Mitleid für Arthur zu empfinden. Sein Leben ist kein beneidenswertes. Doch rechtfertigt dies auch die Gewalteskalation?

Vielerorts haben wir alle sicherlich gelesen, dass „Joker“ durchaus krasse Gewaltdarstellungen bietet. Dabei ist es nicht einmal die Zahl der Toten, sondern einfach die Rohheit und die Unmittelbarkeit von Jokers Delikten. Und plötzlich wurde ich als Zuschauerin ganz schön hin und her gerüttelt: Einerseits hatte ich Mitleid mit dem Mann, der von allen fortgestoßen wird und ein Stück weit war es schon fast verständlich, dass er sich irgendwann zur Wehr setzen wird. Doch diese Art von Gewalt? Das ist keinesfalls akzeptabel und auch eine psychische Krankheit rechtfertigt diese Handlungen nicht. Dem Film wurde ja an mancher Stelle vorgeworfen, eine Art Blaupause für die Anwendung von Gewalt in medizinischen Ausnahmefällen zu sein. Das sehe ich nicht ganz so krass – ich denke, man will einfach den Zuschauer durchgeschüttelt zurücklassen und die andere Seite eines Menschen zeigen. Es ist immer einfach, jemanden lediglich zu hassen oder zu lieben – aber die Graustufen dazwischen zu akzeptieren erfordert Mitdenken, Mitfühlen und Abwägen und das ist natürlich nicht immer einfach.

Ab diesem Zeitpunkt der aufblühenden Gewalt merken wir in Arthur schließlich einen Sinneswandel. Wo er vorher noch liebenswürdig schien und einfach nur ein Mensch war, der angenommen werden wollte, wird er nun langsam aber sicher zum Psychopathen. Er genießt die gefährliche Aufmerksamkeit, die er durch die Morde bekommt. In ihm erwacht eine Leichtigkeit, die durch skurrile Tänze dargestellt wird.

So langsam aber sicher bekommt man einfach Angst vor ihm.

Weiterhin erleben wir, wie eine zerrissene Gesellschaft gezeichnet wird. Auf der einen Seite haben wir die vielen armen Menschen in Gotham City, auf der anderen Seite stehen reiche Menschen wie Thomas Wayne, die kaum freundliche Worte für die Menschen übrig haben, die den Großteil der Gesellschaft ausmachen. Der Joker steht für die arme Seite: Er wird vergöttert, geliebt, verehrt, und zwar seit er die reichen Jungs aus der U-Bahn getötet hat. Da der Film in den 80er Jahren spielt, kann man wohl annehmen, dass Gotham City die Großstädte – allen voran New York – darstellt. Am Ende bekommen wir aber keine Lösung für die Probleme, die herrschen. Im Gegenteil, wir befinden uns mitten in einer Revolution von der wir keine Ahnung haben, wie sie ausgehen wird. Ein Stück weit ist dies wohl auch ein Porträt der heutigen Zeit.

Wenn der Vater fehlt

Etwas, das im Film auch ganz stark herauskommt, ist die Suche nach dem Vater. Wie anfangs erwähnt, lebt Arthur bei seiner Mutter. Wir sehen ihn gar in einer Szene, wie er seine Mutter in der Badewanne wäscht: ein starkes Zeichen seines Ödipus-Komplexes. Er hat eine starke Bindung zu seiner ebenso kranken Mutter, doch er streitet sich auch oft und heftig mit ihr. Schließlich erfährt Arthur sogar, wer sein Vater angeblich sein soll…

Bis dahin hatte er im Latenight-Moderator Murray Franklin eine Vaterfigur gefunden. Täglich schauen sich Mutter und Sohn seine Sendung an und einmal ist Arthur sogar in seiner Show und hat persönlichen Kontakt mit dem Moderator, der ihn für seine Art bewundert.
Als Arthur seinen angeblichen Vater aufsucht, sorgt auch das wieder für Unruhe – und wieder wird er von einem Menschen abgelehnt. Nach einer langen Zeit der Suche und Recherche erfährt er schließlich doch noch die ganze Wahrheit über seine Herkunft, aber wieder zieht in das in ein großes Loch…

Ein intensives Filmerlebnis

Ich merke schon, je mehr ich über den Film nachdenke, desto mehr könnte ich hier schreiben, aber ein bisschen Platz zum selber Nachdenken will ich für euch ja noch lassen 😊 Für mich ist „Joker“ in jedem Fall eines meiner Film-Jahreshighlights, auch wenn ich mehrere Tage gebraucht habe, um diese Entscheidung überhaupt zu fällen.

Diese Entscheidung hat mehrere Gründe: Mir gefällt es, wie man als Zuschauer hin- und hergerissen wird und der Joker als Charakter dreidimensional und tief dargestellt wird. Mehrere Themen werden im Film angesprochen oder angerissen, die man durchaus noch weiterverfolgen kann: fehlender Vater, psychische Krankheit, Ausgrenzung, mangelnde Hilfe durch Sozialarbeiter, Gewalteskalation, Gewaltlegitimierung (?), eine zerrissene Gesellschaft, …

Auch Joaquin Phoenix‘ schauspielerische Leistung soll hier keinesfalls unerwähnt bleiben, denn er hat dem Joker wahres Leben eingehaucht. Phoenix hat sich für seine Rolle 25 kg abgehungert und hat verschiedene Lachen für den Joker einstudiert. Am Set wurde sogar improvisiert, wie ich gelesen habe: So entstand zum Beispiel die Szene nach dem Mord an den drei U-Bahn-Kerlen, als er auf einer öffentlichen Toilette einen skurrilen Tanz aufgeführt hat. Phoenix hat so glaubhaft gespielt, dass ich ihm die Rolle des Jokers absolut abgenommen habe. Er hat es geschafft, eine Zerrissenheit gegenüber dieser Figur auszulösen. Hut ab für diese Darstellung!

Dem gegenüber habe ich nur wenige Kritikpunkte: Zum Beispiel fand ich es unglaubwürdig, dass der Joker so lange in der Latenight-Show bei Murray auftreten konnte, ohne dass jemand eingeschritten ist. In der realen Welt, zumal in Amerika, wären doch da sicherlich schon längst Polizisten aufgetaucht und hätten das Schlimmste verhindert… Weiterhin erschien mir das Ende des Films ganz schön in die Länge gezogen. Man dachte bereits zwei, drei Mal, dass der Film endet und dann kommt plötzlich noch ein „neues Ende“. Weiterhin hätte es zu Beginn des Films eine Triggerwarnung geben sollen, denn ich denke, dass gerade Menschen mit psychischen Problemen ganz schön von dem Film mitgerissen werden können.

Und nun seid ihr dran: Habt ihr den Film gesehen und was denkt ihr darüber? Ihr könnt gerne an den verschiedenen Gedankenanstößen aus dem Beitrag anknüpfen, ich freue mich über Diskussionen 😊

Wer noch nicht genug vom Film hat, dem empfehle ich übrigens noch den Podcast von „Lakonisch elegant“, und zwar die Folge „Joker – Gewaltexzess oder Gesellschaftsanalyse?“!

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