Buchrezension: Leïla Slimani – All das zu verlieren

Leila Slimani - All das zu verlieren

Autorin: Leïla Slimani
OT: Dans le jardin de l’ogre
Erschienen: 2021 in München: btb Verlag
Seiten: 218

Triggerwarnung: Im Buch geht es unter anderem um sexuelle Gewalt und toxische Menschen.

Schon länger hatte ich die Autorin Leïla Slimani auf dem Schirm und wollte ein Buch von ihr lesen. Das Bloggerportal hat mir zum Glück Slimanis Debutroman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, worüber ich mich sehr gefreut habe!

Zum Buch „All das zu verlieren“

Im Mai 2019 ist dieser Roman das erste Mal in Deutschland erschienen – obwohl er im Französischen bereits 2015 erschien und er sogar der Debutroman der marokkanischen Autorin ist.

Wir begleiten die junge Frau Adèle im Buch. Sie ist Mitte 30 und führt ein – zumindest nach außen hin – perfektes Leben. Sie hat einen Mann und einen kleinen Sohn, sie ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie im 18. Arrondissement in Paris, einem wunderschönen Viertel.

Doch betrachtet man die ganze Sache näher, sieht man die Zerrissenheit der jungen Frau. In der Redaktion gibt sie frei erfundene Texte über den Arabischen Frühling ab. Mit ihrem Sohn ist sie von Zeit zu Zeit überfordert. Mit ihrem Mann ist sie nicht wirklich glücklich. Eigentlich ist sie so gelangweilt, dass sie sich regelmäßig Sexabenteuer sucht. Diese möchte sie vor ihrem Mann verbergen. Doch sie wird immer tiefer in ihre Suchtspirale reingezogen; für ihre Abenteuer belügt sie ihren Mann und vernachlässigt ihr Kind, sie sucht den Spaß mit fremden Männern, was in ihrer Suche nach „immer mehr“ in immer gewalttätigeren Erlebnissen endet.

Trostlosigkeit und Diskussionsmaterial

Beim Lesen ist mir vor allem die Trostlosigkeit und Ausweglosigkeit aufgefallen. Obwohl das Buch aus der Sicht eines auktorialen Erzählers geschrieben ist, sind wir die meiste Zeit nah bei Adèle. Durch ihre Handlungen vermittelt sie den Lesern und Leserinnen ihren grauen Alltag, den sie als totlangweilig empfindet. Es ist egal, dass ihr Mann, ein Arzt, viel verdient. Egal, dass sie in einem schönen Viertel wohnt. Egal, dass sie ein wundervolles Kind hat. Egal, dass sie einen erstrebenswerten Job hat.

Genau in diesen Dingen liegt aber der Diskussionsstoff, der so oft in unserer Gesellschaft unter den Teppich gekehrt wird. Hier geht es einerseits um eine marokkanische Frau, die ihre sexuellen Abgründe offenbart. Slimani hat damit als Autorin bereits einen spannenden Diskurs in Marokko und in Frankreich ausgelöst. Sexuelle Begierden sind schließlich in vielen Gesellschaften ein Tabuthema – und erst recht, wenn es dabei um Frauen geht, die diese Begierden haben.

Andererseits werden Themen behandelt, die auch in Deutschland und anderen Ländern immer wieder hochkommen. Die allgemeine Devise ist, dass man als Frau doch glücklich sein muss, wenn man einen reichen Mann, ein Kind und eine schöne Wohnung hat. Breaking News: Nein, nicht jede Frau macht das glücklich, was man an Adèle sieht. Ihr scheinbar perfektes Leben zerbröselt so schnell und sicherlich geht es der einen oder anderen in unserer Gesellschaft auch so.

Im Buch wird Adèle schließlich von ihrem Mann unter die Fittiche genommen – er will abseits von Paris ein neues Leben anfangen. Man wird jedoch den Eindruck nicht los, dass Adèle nun unter ständiger Beobachtung steht. Jede kleinste Bewegung, jede Entscheidung wird vom Mann hinterfragt.

Das Buch hat letztendlich ein offenes Ende. Die Deutung, wie es mit Adèle weitergeht, bleibt also ganz uns Lesern und Leserinnen überlassen

Anlehnungen an „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“

Der Debutroman der Autorin ist schriftstellerisch sehr klar und geradlinig geschrieben. Immer mal finden sich jedoch rhetorische Fragen, Metaphern und Vergleiche, die zeigen, welch großes Potential in der Autorin steckt.

Der Zufall wollte es, dass ich nebenbei in einem Buddyread „Die unterträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera lese. In „All das zu verlieren“ gibt es einige direkte Zitate aus dem Buch (und ich habe mich dann gefreut, diese Zitate beim Weiterlesen wiederzufinden), aber auch sonst gibt es die eine oder andere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Büchern, zum Beispiel die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Adèle und ihrer Mutter und bei Kundera zwischen Teresa und ihrer Mutter. Leider bin ich bei Kundera noch nicht so weit, um an dieser Stelle jetzt ausschweifend darüber reden zu können, aber diese kleinen Parallelen fand ich doch schon sehr interessant.

In einigen Rezensionen las ich außerdem, dass dieser Roman einige Gemeinsamkeiten mit Flauberts „Madame Bovary“ hat. Dass Adèle gewissermaßen eine moderne Interpretation ist. Auch Flaubert habe ich noch nicht gelesen, doch da das Buch in meinem Regal steht, möchte ich das noch nachholen.

Insgesamt kann man wohl sagen, dass Leïla Slimani mit ihrem Debutroman „All das zu verlieren“ eine Geschichte erschaffen hat, die zu Diskussionen anregt. Die Abgründe einer marokkanischen sexsüchtigen Frau sorgen sicherlich nicht nur in Marokko für Gespräche über Tabus, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung, sondern auch in Frankreich, Deutschland und anderen Ländern.

Wie sieht es bei dir aus, hast du diesen oder einen anderen Roman der Autorin bereits gelesen? Wenn ja, dann schreib mir doch gerne etwas darüber in den Kommentaren 😊

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