Buchrezension: Frank Herbert – Dune. Der Wüstenplanet

Frank Herbert: "Dune"

Autor: Frank Herbert
OT: DUNE
Erschienen: 1965, Neuauflage 2020 in München: Random House Verlagsgruppe
Seiten: 800

Habt ihr schon einmal von dem Science-Fiction-EposDune – der Wüstenplanet“ von Frank Herbert gehört? Möglicherweise habt ihr zuerst, so wie ich, die Neuverfilmung von Denis Villeneuve aus dem letzten Jahr gesehen, in der unter anderem Timothée Chalamet und Zendaya eine Hauptrolle spielen. Dank des Bloggerportals konnte ich nun auch das Buch aus den 60er Jahren lesen, das als Meisterwerk des Sci-Fi schlechthin bezeichnet wird. Meine Meinung zu diesem Buch ist jedoch ziemlich gespalten aufgrund eines riesengroßen Problems, das man nicht verachten kann. Dazu später mehr.

Worum geht’s?

In „Dune“ begleiten wie die Familie Atreides vom Planeten Caladan. Diese wird vom Imperator des Planeten Arrakis mit der Überwachung der Produktion der Melange (auch Spice oder Gewürz genannt) betraut, denn er hat die sadistischen Harkonnen dieser Aufgabe entzogen. Neben Herzog Leto Atreides kommen seine Konkubine Jessica sowie sein Sohn Paul mit nach Arrakis. Auch Letos Beraterin, die Ehrwürdige Mutter Gaius Helen Mohiam, ist vertreten.

Es stellt sich heraus, dass Sohn Paul besondere Fähigkeiten hat. Er ist das Produkt eines geheimen Programmes zur Züchtung eines Übermenschen. Er stellt sich als der Kwisatz Haderach heraus, eine Art Prophet, der Weissagungen treffen kann und der geborene Anführer ist.

Da das Haus Atreides immer stärker wird und sich der Imperator von Arrakis dadurch bedroht fühlt, hetzt er die zuerst verachteten Harkonnen schließlich auf das Haus Atreides. Mutter Jessica und Sohn Paul sollen in die Wüste geschickt werden, um zu sterben, während man Herzog Leto umbringt. Zwar stirbt Leto, doch Paul und Jessica überleben. In der unendlichen Wüste treffen sie auf die Fremen – ein Volk, das auf und mit dem Planeten lebt und dem das Gewürz zu Weisheit verhilft.

Der junge Paul wird innerhalb kürzester Zeit zu einer Art Anführer der Fremen – sie preisen ihn als den „Lisan al-Gaib“, der Prophet, der die Fremen rettet.

Langsamer Start, rasante Fortsetzung

Da ich den Film gesehen habe und dieser viel Zeit mit dem Aufbau der Geschichte verbracht hat, habe ich mir schon gedacht, dass in dem 800-seitigen Schinken ebenfalls etwas Zeit vergehen wird, bis die Geschichte ins Rollen kommt. So war es auch – anfangs musste ich mich zuerst ein wenig in die Geschichte einfinden, viele verschiedene Charaktere, Namen, Begriffe und Häuser (also Familien) verlangen zunächst einiges ab. Nach ca. 50-70 Seiten (was verteilt auf das ganze Buch gar nicht so viel ist) war ich in der Geschichte richtig drin und habe mich immer gefreut, weiterlesen zu können.

Wichtig zu wissen ist, dass der Roman weitergeht als der Film. Der Film bildet ca. die Hälfte des Buches ab. In jedem Fall gibt es viel Spannung durch die Dynamiken zwischen Imperator, den Harkonnen, den Fremen und dem Haus Atreides. Allianzen verlagern sich, man merkt regelrecht, wie sehr man auf bestimmte Taten oder gar einzelne Worte der beteiligten Personen achten muss.

Sci-Fi-Erfindungen vom Feinsten

Ich habe in meinem Leben noch nicht allzu viel Science-Fiction gelesen. Aber ich muss schon sagen, die Erfindungen in diesem Roman sind echt spannend! Angefangen bei dem Planeten, der, wie der Name „Dune“ schon vermuten lässt, hauptsächlich aus Wüste besteht. Es ist unfassbar trocken und heiß. Die Menschen passen sich diesen Gegebenheiten mit sogenannten Destillanzügen an. Das Mikrogewebe leitet Hitze vom Körper ab und filtert körperliche Ausscheidungen. Flüssigkeit wird aufbereitet und in einem Beutel gespeichert, aus dem man mit einem Schlauch das Wasser trinken kann. Dank dieser Konstruktion schaffen es z.B. die Fremen, durch die Wüste zu wandern, ohne zu verdursten. Wasser ist eine Kostbarkeit, dessen auch wir uns sicher wieder viel mehr bewusst werden müssen. Eine ähnliche Konstruktion ist das Destillzelt, ein Unterschlupf, der den menschlichen Atem zu Trinkwasser aufbereitet.

Dann gibt es noch die Ornithopter, auch nur Thopter genannt. Das sind Fluggeräte, die sich wie Vögel mit Einer Art Flügelvorrichtung in der Luft halten können. Im Film sehen sie aus wie übergroße Libellen – faszinierend!

Und dann gibt es natürlich noch die großen Sandwürmer, auch „Bringer“ genannt. Wir lernen sie als furchteinflößende riesige Kreaturen kennen, die alles verschlingen, was sich im Sand über ihnen befindet. Mit bestimmten Schrittfolgen im Sand passt man sich ihnen an. So werden die natürlichen Geräusche der Wüste imitiert und die Sandwürmer „hören“ einen nicht.

Orientalismus – in Buch und Film

Kommen wir zu dem großen Problem des Buchs und auch des Films. Ich durfte erst kürzlich den Begriff „Orientalismus“ lernen. Hier ist eine kurze Definition aus Wikipedia, die das Thema gut zusammenfasst:

„Mit dem Begriff Orientalismus bezeichnete Edward Said in seinem zuerst 1978 erschienenen Werk Orientalism (deutscher Titel: Orientalismus) einen eurozentrischen, westlichen Blick auf die Gesellschaften des Nahen Ostens bzw. die arabische Welt als einen „Stil der Herrschaft, Umstrukturierung und des Autoritätsbesitzes über den Orient“. Dieses Denken drücke ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Orient aus und sei ein Teil der modernen politischen und intellektuellen Kultur unserer Gegenwart.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Orientalismus

Leider trifft genau das auf „Dune“ zu. Dazu muss man festhalten, dass das Werk schon fast 60 Jahre alt ist. Der Roman entstand während des kalten Krieges und wurde von diesem beeinflusst. So repräsentieren die Harkonnen die Russen, was bereits der Voname des Baron Harkonnen, Wladimir, andeutet. Die Harkonnen werden als barbarisch und brutal in ihrer Herrschaft beschrieben, wohingegen das Haus Atreides – westlich inspiriert – als besonnen, klug und freundschaftlich beschrieben wird.

Nun zum Orientalismus: Die Fremen, die Bewohner von Arrakis, sind eindeutig Arabisch inspiriert. Das zeigt bereits die Benutzung bestimmter Begriffe in aller Deutlichkeit (die Sprache der Fremen ist nicht nur arabisch inspiriert, sondern es ist einfach Arabisch). Die Charaktere sind allesamt schwarz und tragen Kleidung, die beispielsweise an eine Hijab erinnert. Das alles ist vielleicht noch gar nicht mal so tragisch. Was problematisch ist, ist zum Beispiel, wie der Umgang der Fremen mit der Melange dargestellt wird. Die Fremen werden als ein weises Volk, das mit dem Planeten lebt, dargestellt. Doch diese Weisheit erlangen sie nicht durch Wissensaneignung, sondern durch den Konsum des Gewürzes, aka einer Droge.

Weiterhin werden die Fremen, deren Heimatplanet Arrakis ist, vom Imperator und den Harkonnen unterdrückt. Sie stammen zudem von buddhislamischen Sklaven ab, die während eines Krieges nach Arrakis geflüchtet waren. Aufgrund ihrer Geschichte sind sie Fremden gegenüber sehr misstrauisch.

Ein weiterer Punkt ist der White Saviorism, der mit dieser Geschichte gezeigt wird:

„Der von Teju Cole geprägte Begriff „White Savior Complex“ beschreibt ein Phänomen, nach dem sich weiße Menschen aus dem Globalen Norden dazu berufen fühlen, in Ländern des Globalen Südens Entwicklungs-, Aufklärungs- oder Hilfsarbeit zu leisten“.

Brückenwind 2020, o.S.

Hier ist der weiße! Mann! Paul Atreides der Retter, welcher den Fremen Frieden bringen soll. Sie verehren Paul als Messias, nennen ihn den Lisan Al-Gaib, was aus dem Arabischen übersetzt so viel bedeutet wie „unsichtbare Dimensionen der Realität“.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Hier hat der Autor sich der arabischen Kultur und einer fremden Religion bedient, sie in einen komplett neuen Kontext gebracht, aber die Probleme des realen Lebens bestehen lassen sowie Klischees bedient. Ein weißer Mann kommt, um das schwarze Volk zu retten; zudem wird das Volk zwar als weise dargestellt, jedoch nicht aus eigener Kraft heraus, sondern als Folge des Konsums einer Droge. Hallo, Klischee!

Empfehlung?

Ich bin ein bisschen bestürzt, dass es mir selbst nicht so besonders beim Lesen aufgefallen ist, dass manche Aspekte des Romans problematisch sind, da ich bei diesen Themen normalerweise gerne sensibel herangehe. Durch das Lesen von (Blog-)beiträgen im Nachhinein wurde ich mir der Problematik aber bewusst und bin auch froh, diese hier angesprochen zu haben und weiterhin dazuzulernen.

Bleibt zum Abschluss noch die Frage: Ist „Dune“ von Frank Herbert empfehlenswert? Ich muss dennoch sagen: Ja, ist es, wenn man sich bewusst macht, dass es die eine oder andere Problematik im Buch gibt. Ich bin mit wenigen Ausnahmen immer dafür, dass man sich selbst ein Bild einer Geschichte macht und im Hinterkopf behält, dass man Werke gut finden kann und sie gleichzeitig auch kritisieren kann. Denn eines ist und bleibt „Dune“ – ein Wahnsinns Sci-Fi-Epos, das eine Menge Ideen, Konflikte, interessante Personen und gesellschaftliche Themen zu bieten hat, die auch heute noch aktuell sind. Daher kann ich eine Empfehlung aussprechen. Doch: Immer schön bewusst lesen!

Nun bist du dran: Hast du „Dune“ bereits gelesen oder gesehen? Hast du vielleicht sogar die alten Filme gesehen und was hältst du von ihnen?

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Jacqui

Blogbeitrag zum Thema Orientalismus in „Dune“ aus der Sicht eines Betroffenen

4 Kommentare zu „Buchrezension: Frank Herbert – Dune. Der Wüstenplanet

Gib deinen ab

      1. Wenn du mir das mal ausleihen kannst, wäre das echt super. Danke. Ich muss allerdings erst noch zwei andere Bücher lesen. Die würde ich erst beenden, sonst stapelt sich wieder alles bei mir.

        Gefällt 1 Person

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