Buchrezension: Rebecca F. Kuang – Yellowface

Das Buch von Rebecca F. Kuang - Yellowface ist auf einem braunen Kissen drapiert.

Autorin: Rebecca F. Kuang
OT: Yellowface
Erschienen: 2024 in Köln: Bastei Lübbe
Seiten: 383

Die Autorin Rebecca F. Kuang kennen die meisten von uns ja eher aus dem Fantasy-Genre. Und doch hat die Autorin mit „Yellowface“ ein satirisches Meisterwerk geschaffen, das selbstreferenziell auf die Literatur- und Verlagsszene verweist, von der sie selbst ein Teil ist. Lest in meiner neuesten Rezension meine Meinung zu „Yellowface“ – und entdeckt mit mir die vielen Ebenen dieses Romans.

Worum geht’s?

Athena Liu und June Hayward sind seit Uni-Zeiten mehr oder weniger miteinander befreundet. Beide Frauen sind Autorinnen, doch während Athena einen Erfolg nach dem nächsten feiert, interessiert sich kaum jemand für Junes Werke. Die Geschichten normaler weißer Mädchen interessieren die Welt nicht mehr, davon ist June überzeugt.

Als June eines Abends Zeugin wird, wie Athena bei einem tragischen Unfall stirbt, ergreift June ihre Chance – auf Athenas Schreibtisch entdeckt sie ein neues Manuskript, einen Roman über die Heldentaten chinesischer Arbeiter während des Ersten Weltkriegs.

June überarbeitet das Manuskript, veröffentlicht es unter ihrem eigenen Namen und wird damit unglaublich erfolgreich. Fortan muss sie ihr kleines Geheimnis schützen – und es wird sich zeigen, wie weit sie dafür bereit ist, zu gehen.

Der Rassismus der June Hayward

Es dauert nicht lange und Junes rassistische und antiasiatische Mikroaggressionen zeigen sich ganz deutlich. Das sind nicht immer so offensichtliche Äußerungen, sondern manchmal auch ganz unterschwellige Kommentare, die ein Othering, also ein Herausstellen von Menschen als „die Anderen“, hervorrufen:

„Mrs Liu ist wunderschön. Es stimmt, was man sagt – asiatische Frauen altern nicht. Sie muss inzwischen Mitte fünfzig sein, aber sie sieht keinen Tag älter als dreißig aus.“ (S. 64)

Ganz besonders schwierig ist es natürlich, dass June eine Geschichte über chinesische Arbeiter während des Ersten Weltkriegs als weiße Amerikanerin ohne Bezug zur chinesischen Sprache und Kultur veröffentlichen will. Keine Frage, sie erledigt sehr viel Recherchearbeit (auch dabei ist wieder ganz klar ihr Rassismus zu erkennen, als sie feststellt, dass die Sache mit den chinesischen Namen viel zu kompliziert ist und sie daher eine Vereinfachung des Manuskripts vornimmt), doch auch der Verlag ist sich sicher, dass dieses Buch von einer weißen Autorin keine gute Idee ist:

„Kulturelle Authentizität“, springt Emily ein. „Ich weiß nicht, ob du die Diskussionen online verfolgst. Buchblogger:innen und Nutzer:innen von Booktwitter können heutzutage ganz schön… wählerisch sein…“ (S. 75)

Natürlich entbehren auch die Kommentare der Verlagsmitarbeiterinnen nicht eines gewissen Rassismus…

Um eine gewisse Authentizität zu sichern, veröffentlicht June das Buch unter dem Namen Juniper Song. Nicht nur also, dass sie ein Manuskript einer chinesischen toten Autorin geklaut hat und behauptet, ein Buch über ein wichtiges Kapitel Chinas geschrieben zu haben, nun nutzt sie auch noch einen falschen Namen, um zu suggerieren, dass sie ebenfalls eine Chinesin sein könnte. Yellowfacing also vom Feinsten. Ein Sensitivity Reading lehnt June übrigens ab.

„Ich glaube, du musst dir keine Sorgen machen“, versichere ich ihr. „Im Gegenteil, asiatische Personen hatten es noch nie so leicht in der Branche wie heute.“ (S. 117)

June – unsicher und neidisch

Ich glaube, es wird im Buch ganz deutlich, dass June eigentlich eine zutiefst unzufriedene Person ist. Sie ist traurig, dass sie aus ihrem Leben bisher nicht mehr gemacht hat. Sie sieht den Erfolg von Athena und man hat das Gefühl, dass sie sie einerseits immer bewundert hat, aber andererseits ihr auch nie wirklich eine Freundin sein konnte, da der Neid sie zerfressen hat. Generell habe ich das Gefühl, dass June zu niemandem wirklich eine tiefe Bindung aufbauen konnte, weil sie ein unglaublich unsicherer Mensch ist, der sich die Anerkennung so sehr wünscht, dass er sie einem anderen Menschen auch nicht gönnen kann. Stattdessen sucht sie den Grund für ihr Scheitern in anderen Menschen statt bei sich selbst. Alle anderen müssen Schuld sein – obwohl sie sich selbst noch gar nicht richtig um eine Besserung ihrer Situation bemüht hat.

Übrigens finde ich auch Athena als Person nicht besonders sympathisch beschrieben. Das beruht natürlich aber auf dem, was andere über sie sagen, da sie ja schon zu Beginn des Buches stirbt. Wie es scheint, hat sie sich selten um andere Menschen in ihrem Umfeld geschert. Und vieles von dem, wie sie gelebt hat, wirkt auf gewisse Weise erzwungen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass sie immer auf ihrer Schreibmaschine ihre Bücher geschrieben hat. Man hat das Gefühl, dass vieles nur Lifestyle und viel „show“ bei ihr war, aber sie nicht alles davon auch so gefühlt hat.

Die Verlagswelt bekommt ihr Fett weg

Ein zweites großes Thema neben dem Rassismus im Buch ist für mich die Funktion der Verlagswelt. Natürlich wurde da auch einiges im Buch überspitzt dargestellt. Aber vielen davon hat auch einen wahren Kern – der Support besonders großer Autor:innen, wenig Geld für verkaufte Bücher, Mitbestimmung der Autor:innen nur, wenn diese auch groß genug sind… es war spannend, diesen Einblick zu bekommen. Ich frage mich ehrlich gesagt, was sich der Verlag gedacht hat, der das Buch ursprünglich verlegt hat, ob es da wohl auch einige Parallelen gibt…? 😉

Bissiger Humor aus der Ich-Perspektive 

Besonders spannend fand ich, dass das Buch aus der Ich-Perspektive von June geschrieben wurde. Da die Autorin selbst US-Amerikanerin chinesischer Herkunft ist, habe ich mich ganz oft gefragt, wie es für sie wohl so ist, diese Mikroaggressionen immer wieder in das Buch zu schreiben. Sicher hat sie da auch selbst ihre Erfahrungen gemacht und konnte diese einbringen, auch wenn das natürlich eher traurig ist. Rebecca F. Kuang kenne ich bisher vor allem aus dem Fantasygenre, aber ich muss sagen, dieses satirische Debüt ist ihr mehr als gelungen! Es gibt immer wieder Stellen im Buch, die sich witzig lesen, auch wenn einem das Lachen dabei manchmal im Hals stecken bleiben will. Die Autorin zeigt, wie sie sich die letzten Jahre schriftstellerisch weiter entwickelt hat und liefert ein Buch, das kurzweilig ist, ein aktuelles Thema beinhaltet und durch die Art, über dieses Thema zu schreiben, immer wieder zum Nachdenken anregt.

Übrigens lohnt es sich, bei der deutschen Hardcover Ausgabe mal den Schutzumschlag abzunehmen – denn darunter kommt der Titel des „geklauten“ Buches „Die letzte Front“ zum Vorschein. Athena Liu ist dabei durchgestrichen, stattdessen steht Juniper Song darunter. Was für eine geniale Metaebene 🙂

Im Mai durfte ich die Autorin bei einer Lesung von „Yellowface“ sehen und habe dabei ihre humorvolle und liebevolle Art kennengelernt. Sie hat spannende Fragen zum Buch beantwortet und uns auch schon ganz viel Vorfreude auf ihr im nächsten Jahr erscheinendes Buch gemacht! Bis dahin freue ich mich aber erst einmal auf „Babel“, das ich dann als nächstes von ihr lesen werde.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Jacqui

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