Quergehört – Die Songtextanalyse [„Die Schönheit der Schatten“ von Versengold]

Hallo liebe Pusteblumen,

hier melde ich mich mit einer neuen Kategorie auf meinem Blog. Es hat nichts mit Büchern im engeren Sinn zu tun, aber mit Buchstaben, Lyrik und Gefühl: Ich rede von der Songtextanalyse, die ich nun als eine neue Reihe hier starten möchte!

Die Idee kam mir, als ich nach ein paar Schlagworten und deren Bedeutung in einem Lied gesucht hatte. Und schnell wurde mir bewusst, dass ich womöglich nicht die einzige bin, die einen eindringlichen Text hört, aber noch nicht seine ganze Bedeutung versteht!

Und da ich schon in der Schule Textanalysen besonders interessant fand, versuche ich mich nun auch öffentlich daran 😉 Ich versuche, anzupeilen, jeden Monat eine Analyse zu veröffentlichen. („Analyse“ mag vielleicht trocken klingen, aber ich versuche es natürlich, keineswegs trocken zu halten!) Es nimmt eine Menge Zeit in Anspruch, passende Lieder und ihre Bedeutung herauszusuchen und dann einen Text dazu zu schreiben, der längenmäßig nicht die Geduld der Leser und Leserinnen übersteigt. Deswegen denke ich, dass ein Text pro Monat erst mal okay ist 😊 Diese kleine Sparte möchte ich außerdem nutzen, um zum einen den Fans von bestimmten Gruppen oder Sängern einen kleinen Mehrwert zu bieten und andererseits, um kleinere Bands, Sänger und Sängerinnen ein bisschen in meiner kleinen Community bekannter zu machen.

Ganz wichtig: Wenn ihr Ideen und Anregungen habt, welches Lied ich mal analysieren könnte, dann schreibt mir das doch gerne unten in die Kommentare! Ich erweitere meine Liedkenntnisse immer gerne. Dabei ist es egal, ob es deutsche, englische oder französische Texte sind – sie sind alle herzlich Willkommen!

Den Anfang mache ich aber trotzdem mit einem deutschen Text. Es handelt sich um „Die Schönheit der Schatten“ von Versengold, eines meiner Lieblingslieder der Band. Denn es ist gleichzeitig so traurig und mystisch, dass es mich immer wieder in seinen Bann zieht! (Über den markierten Link könnt ihr euch das Lied anhören. Der Link wird in einem neuen Tab geöffnet!)

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Das Lied beginnt damit, dass von einer Dame in einem Silberkleid gesungen wird. Diese wandert „ruh- und rastlos“ durch die Nacht und hält einen Kelch in ihren Händen, ein „Gefäß aus Glas und Licht“, doch was sich darin befindet? „Das wissen selbst die Götter nicht“. Da hätten wir schon das erste mysteriöse Symbol in diesem Lied. Ein Kelch, der von einer Dame bei Nacht durch die Gegend getragen wird.

Der Kelch kann so viele Bedeutungen haben! Als allererstes fiel mir meine Jugendlektüre von „Sakrileg“ wieder ein, denn da ist auch vom Kelchsymbol bzw. dem Buchstaben „V“ die Rede, was für Weiblichkeit steht. Die Form symbolisiert den Schoß der Frau, was wiederum auf Empfängnis hindeutet. So weit hergeholt ist das wohl nicht, da zumal der Kelch im Lied von einer Frau getragen wird.

Auch in den Religionen hat der Kelch mehrere Bedeutungen: zusammen mit einer sich herauswindenden Schlange steht der Kelch für den Evangelisten Johannes. Im Hinduismus ist ein Kelch gefüllt mit Reis oder Edelsteinen Symbol des Gottes Ganesha für Wohlstand. In der mittelalterlichen Dichtung finden wir natürlich auch den Heiligen Gral. Und im indischen Mythos trinken die Götter den „Lebenssaft“ aus dem Kelch.

Tiefenpsychologisch finden wir außerdem den Kelch als Symbol des Männlichen auf der Suche nach dem Weiblichen, der Anima, oder auch die Suche des Menschen nach seinem spirituellen Selbst.

Das sind alles interessante Ansätze, die wir gleich noch weiterverfolgen werden!

In der nächsten Strophe ist sie Rede davon, dass die Dame mit bleicher Haut und schwarzem Haar durch die Nacht wandert. Sie ist „ein Geist, ein Kind der Nacht“. Die Frage ist, mit wem haben wir es hier zu tun? Offenbar weilt sie nicht mehr unter den Lebenden, da sie ein Geist ist. Über den Kelch wird gesagt, er sei dem Geheimnis geweiht: „Manch einer sagt, wer daraus trinkt, begreife die Unendlichkeit!“ Sowohl die Frau als auch ihr Kelch sind also etwas ganz Besonderes. Der Kelch verspricht offenbar Wissen. Unendliches Wissen.

Aber ich kann es mir nicht verwehren, darin auch etwas Bedrohliches zu lesen und zu hören. Die Unendlichkeit begreifen? Das klingt nicht nach etwas, was man in einem Leben schaffen könnte.

Kommen wir zur Bridge: „Und so vergehet Nacht um Nacht und ich träume mich zu ihr. Wenn sie im Dämmerlicht erwacht, komm und tanz‘ mit mir!“ Hier haben wir einen Hinweis darauf, dass das lyrische Ich träumt. Es träumt sich jede Nacht zu der bleichen Dame mit ihrem Kelch. Die zwei müssen sich vertraut sein, denn immerhin möchte das Ich mit ihr tanzen! Dass die Frau im Dämmerlicht erwacht, ist eine schöne Umschreibung dafür, dass sie in den Träumen des Ich lebendig wird. Wunderschön und traurig zugleich!

An dieser Stelle können wir noch eine weitere Bedeutungsebene des Kelchs einbauen, nämlich den Kelch als Traumsymbol: Er stellt etwas Unerreichbares dar und ist die Verbindung zum Herzen (durch den Wein, der oftmals mit dem Kelch in Verbindung gebracht wird. Wein=Blut=Verbindung zum Herzen.) Der Kelch steht interessanterweise auch für ein schwieriges Problem, das der Träumende im Leben hat. Etwas, das ihm viel Leid und Schmerz gebracht hat. Das Trinken aus dem Kelch bedeutet schließlich, dass damit Freude und ein friedvolles und zufriedenes Leben einhergehen.

Er bedeutet auch, dass jedes Ende einen neuen Anfang bedeutet.

Im Refrain wird von der Begegnung gesungen: Durch ihre Augen sieht das Ich „wie durch die Nacht ins All“. Er möchte von ihrem Kelch in den Händen nippen.

„So schwöre ich bei meinem Herz,
beim Ruf der Nachtigall:
Ich küsse dir den Sternenstaub
von deinen kalten Lippen!
Und ließ die Welt weit hinter mir
in meinem freien Fall.“

Dass zwischen der Dame und dem Träumenden mehr ist, wird hier deutlich. Er liebt sie, denn er schwört immerhin auf sein Herz und auf den Ruf der Nachtigall. Die Nachtigall kennen wir als bedeutungsschwangeren Vogel aus Shakespeares „Romeo und Julia“ und er passt hier einfach perfekt in das Bild: Die Nachtigall ist ein Nachtvogel, der ca. ab 11 Uhr nachts aktiv wird und bis in den Morgen hinein singt. Die Nachtigall kann also als Metapher für die Dame stehen, denn beide werden nachts aktiv. Die Nachtigall singt so wunderschön wie die Dame im Traum ist. Beide sind unglaublich anziehend und Kinder der Nacht. Dass er ihr den Sternenstaub von den Lippen küsst, ist sicherlich auch ein Zeichen der Liebe. Vielleicht geht das aber auch tiefer, genauso wie die Aussage „Und ließ die Welt weit hinter mir in meinem freien Fall“. Dass er ihr „den Sternenstaub von den Lippen küssen“ will, klingt für mich, als würde er sie zurück ins Leben holen wollen. Oder er erhofft sich ein Stück Magie, das er mit in sein Leben im Wachzustand nehmen kann?

Die nächste Strophe finde ich besonders traurig und tragisch. Das lyrische Ich wandelt auf ihrem Pfad und seiner Sehnsucht hinterher. Seine Sehnsucht = die Dame? So scheint es, denn sonst wäre er kaum jede Nacht bei ihr. Er singt davon, dass er auf der Welt der Leichtigkeit entbehrt.

Und jeden Tag, wenn ich erwach
und meine Welt am Schein ertrinkt,
wart ich, dass mir das Herz aufgeht
wenn unsere Sonne sinkt.

Offensichtlich hat es das lyrische Ich in der Welt in dem Moment mehr als schwer. Keine oder zumindest weniger Leichtigkeit zu spüren, die Welt an sich vorbeiziehen zu sehen mit all den Menschen, denen jeden Tag so viele Probleme entgegentreten, kommt dem lyrischen Ich als Schein vor, als Trugbild. Er findet Trost in der untergehenden Sonne, im Schlaf.

Wir kennen wohl alle solche Phasen: Wenn das echte Leben zu hart wird, wenn etwas Schlimmes geschieht oder einfach alles zu viel wird. Wie viele von uns flüchten sich in Träume? Das muss nicht nur nachts geschehen. Auch die Flucht in Buchwelten, in Musik oder in Filme und Serien gehört für mich dazu. Bestimmte Phasen sind so manchmal einfacher zu ertragen und Träume können dabei natürlich ebenso besonders hilfreich sein. Der Schlaf macht so manches einfacher und erträglicher…

Nach einem weiteren Refrain kommt die letzte Strophe mit einer Besonderheit: Das lyrische Ich wechselt und nun spricht, bzw. singt im Lied die Dame mit dem Kelch.

Du solltest wissen, was du suchst
in dieser Nacht, zur dunklen Stund!
Ist es der Kelch aus meiner Hand
oder der Kuss von meinem Mund?

Die schöne Frau mit dem Kelch hat also bemerkt, dass das lyrische Ich jede Nacht vorbeikommt und sie fragt ihn, was er sucht. Geht es wirklich um den Kelch? Oder doch um einen Kuss? Beides scheint für den Träumer schließlich anziehend zu sein, wie wir wissen.

Ich wandere nun schon Jahr für Jahr
durch deine Nacht und glaube mir,
ich bin nicht mehr als nur ein Traum!
Ein Traum von dir, ein Traum von dir…

Hier wird noch einmal deutlich, dass die Dame im Silberkleid mit ihrem Kelch ein Traumbild ist. Es scheint, als würde sie ihm deutlich machen möchte, dass es nach Jahren des Träumens an der Zeit ist, wieder in das Leben überzutreten. Im übertragenen Sinne also vielleicht, dass sich der Träumer mit dem Traum endlich auseinandersetzen soll und wieder leben sollte?

Ohne immer davon auszugehen, dass der Sänger auch gleichzeitig das lyrische Ich ist, muss ich an dieser Stelle eine kurze Info hinzufügen, die so manches vielleicht verständlicher macht: Malte Hoyer, der Sänger und Schreiber von Versengold, hatte vor einigen Jahren in Nordafrika einen schlimmen Autounfall, bei dem er und seine Freundin gerade mit dem Leben davonkamen. Das Pärchen, das mit ihnen im Auto saß, hatte leider nicht so viel Glück. In der Zeit nach dem Unfall und der schlimmen Zeit im Krankenhaus und der Ungewissheit entstand das Album „Zeitlos“, auf dem „Die Schönheit der Schatten“ drauf ist. Es ist bekannt, dass sich Malte in einigen Songs stärker mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat und ich mag irgendwie den Gedanken, die Frau mit dem Kelch aus dem Traum als eine Art Symbol für das Geschehene zu sehen. Vielleicht als Symbol für seine Freundin oder die verstorbene Dame des Pärchens aus dem Auto? Das bleibt wohl jedem selbst überlassen.

In diesem Kontext ergibt für mich der Kelch als Traumsymbol aber ganz besonders Sinn: Wir erinnern uns, dass es am Anfang des Lied heißt, dass wer aus dem Kelch trinkt, „die Unendlichkeit begreift“ und dass das Trinken aus dem Kelch als Traumsymbol bedeutet, Freude und ein friedvolles Leben zu finden. Das Trinken aus dem Kelch ist also möglicherweise doch nicht so bedrohlich, wie ich es anfangs hielt (denn mein erster Gedanke war, dass das Getränk den Träumenden in den Tod hinabzieht und er dafür dann ewig mit der Dame wandeln kann. Vielleicht als eine Art Todeswunsch, um dort Erlösung zu finden), sondern damit verbunden, die „Leichtigkeit“, die das lyrische Ich im Leben nicht mehr spürt, zurückzuholen.

Insgesamt sehe ich das Lied und den Text also im Kontext einer schweren Zeit des lyrischen Ichs. Letztendlich passt es wohl auf jeden, der eine schlimme Zeit durchmacht und Erlösung im Schlaf oder im Träumen ganz allgemein findet. Dort wartet womöglich eine wunderschöne Traumgestalt mit einem Kelch, der so viel verspricht. Ein Kelch, der für die Weiblichkeit, also womöglich eine Liebe steht, ein Kelch, der für Göttlichkeit steht, einen kräftigenden Lebenstrank verspricht und vielleicht auch für etwas Unerreichbares und Leid steht, das aber durch das Trinken aus dem Kelch überwunden werden kann…

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Ich sehe schon, dass hier unglaublich viel Text dabei rauskommt, wenn ich einmal loslege und trotzdem habe ich bei weitem nicht das Gefühl, alles gesagt zu haben, was mir zu dem Text einfällt. 😀

Ich hoffe, dass euch trotz des vielen Textes diese kleine Entführung in die Welt der Folkmusik gefallen hat!

Nun seid ihr dran: Kennt ihr dieses Lied von Versengold? Habt ihr Gedanken zu dem Text, die ihr gerne noch loswerden möchtet? Schreibt es mir gerne in die Kommentare, ich freue mich sehr über spannende Gespräche!

Auch Textvorschläge sind natürlich gerne gesehen (Ohne Garantie, dass ich diese auch umsetze, je nachdem, wie viele Vorschläge hier reinkommen… 😉 )

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