Quergehört – Die Songtextanalyse [„Voices“ von HURTS]

Neuer Song von HURTS "Voices"

Liebe Pusteblumen,

nach sehr langer Zeit habe ich mir gedacht, dass ich meine „Quergehört“-Songtextanalyse-Kategorie mal wieder aufleben lassen sollte. Das letzte Mal habe ich für meinen Beitrag zu Die Schönheit der Schatten“ von Versengold eine Menge Zeit für die Recherche einfließen lassen und fast jede Textzeile auseinandergenommen. An diesem Prinzip wollte ich eigentlich festhalten und habe mich deswegen ein bisschen schwer mit der Auswahl von neuen Texten getan.

Ich finde aber mittlerweile, dass eine so genaue Analyse gar nicht immer nötig ist, zumal wir ja hier nicht im Poesie-Kurs sind und ich euch LeserInnen auch nicht langweilen will 😀

Deswegen widme ich mich heute einem neuen Lied. Der Gedanke kam mir, als die Synthie-Pop-Band HURTS, eine meiner liebsten Bands seit dem Jahr 2010, ihren neuen Song „Suffer“ vor ein paar Tagen rausbrachte. Jedoch wird es um den Vorgänger des Songs gehen: „Voices“, der am 15. Mai dieses Jahres erschienen ist.

Wer sind HURTS?

Wer noch nichts von HURTS gehört hat, dem gebe ich hier eine kurze Übersicht: Die Manchester Synthie-Pop-Band besteht aus den Freunden Theo Hutchcraft und Adam Anderson. Anfang 2010 veröffentlichten sie ihr erstes Album Happiness, das absolut einschlug. Ihr Song „Wonderful Life“ ist der wohl bekannteste von ihnen und hielt sich 13 Wochen lang in den deutschen Top 10. Die Alben „Exile“ im Jahr 2012, „Surrender“ im Jahr 2015 und zuletzt „Desire“ im Jahr 2017 folgten daraufhin noch. Sofern die beiden nicht gerade auf Tour gehen und ihr Album promoten, ist es doch immer recht still um die Künstler. Im Mai dieses Jahres kam dann aber aus dem Nichts eine Ankündigung, die auf einen neuen Song hoffen ließ und so kam es dann auch: „Voices“ wurde veröffentlicht!

Die Musik von HURTS ist oft melancholisch, durchzogen von Synthesizer-Elementen, die an Depeche Mode erinnern. Mit jedem Album entwickelte sich der Stil der Band jedoch immer ein bisschen weiter. Adam und Theo nehmen dabei meist die Zügel selbst in die Hand und nehmen ein ganzes Album auch gerne mal zusammen in einer kleinen Wohnung in Eigenregie auf. Die Texte handeln von Schmerz, Trauer, Liebe, aber auch mentaler Gesundheit. Die Videos überraschen oft mit ausgefeilten Storys und spiegeln gesellschaftliche Themen wider, wie zum Beispiel in „Beautiful Ones“, wo sich Sänger Theo nicht scheut, sich dem Thema Gewalt an Crossdressern und der Buntheit der LGBTQ-Community zu widmen.

VOICES

Zu Beginn könnt ihr hier das Video und den Songtext zu „Voices“ sehen (der Songtext ist darunter verlinkt) sehen. Ich übersetze den Text nicht, da das Englisch meiner Meinung nach gut verständlich ist. Wer Fragen hat, kann mir aber gerne schreiben 😊

Der Song beginnt damit, dass das lyrische Ich jemanden anspricht. Er möchte, dass sein Name von demjenigen gesagt wird und „noch einmal“ gerettet wird. In der Strophe fragt sich das Ich auch, ob es zu weit gegangen ist (mit dem Leben? Mit einer Tat?). In der Zeile „is this where I belong“ könnte man meinen, dass er seine Identität, seine Zugehörigkeit hinterfragt.

Ich halte fest: Wir haben es mit jemandem zu tun, dem es offensichtlich psychisch nicht besonders gut geht. Er fragt sich, wo er hingehört und er bittet um Hilfe.

Im darauffolgenden Pre-Chorus erzählt das Ich, dass er „sie“ (them) hört, dass er möchte, dass sie verschwinden und dass sie immer lauter werden. Der veränderte Rhythmus und die Betonung beim Singen unterstützen den Eindruck, dass sich das Ich von den Stimmen verfolgt fühlt und nichts mehr möchte, als dass es aufhört.

Der Refrain schließlich verrät, was passiert: „Endlessly / These voices keep on calling me to rise / These voices keep on praying for me… / I can’t stop them now”. Das lyrische Ich hört Stimmen, unentwegt. Sie möchten, dass er sich erhebt / aufersteht und sie beten für ihn.

Einerseits hat das etwas Schauerhaftes an sich, andererseits etwas Tröstendes. „Rise“ und „praying“ vermitteln einen religiösen Hintergrund. Während er diese Stimmen endlos hört, wollen diese offenbar nur Gutes für ihn.

Es folgt die zweite Strophe, die das Motiv des Laufens bzw. Weglaufens hat. Das Ich glaubt, dass es immer wieder dieselben Fehler macht. „But they scream my name“ – ich deute das Wörtchen „but“ so, dass die Stimmen sich nicht darum scheren, ob er Fehler gemacht hat. Da wir ja nun aus dem Refrain wissen, was sie sagen, sind es möglicherweise freundliche Stimmen, die dem Ich eine Chance geben wollen, trotz seiner Fehler.

Das Ich sagt außerdem, dass es falsch ist, wegzulaufen, doch er sei einfach zu weit gegangen. Möglicherweise hat er also etwas getan, was er bereut oder er möchte einfach vor vorhandenen Problemen weglaufen? Möglich wäre es.  

Der folgende Text besteht aus einer Wiederholung von Pre-Chorus und Refrain und Versatzstücken aus Pre-Chorus und Refrain. Eine Bridge gegen Ende des Songs bricht die Struktur des Liedes noch einmal auf und bleibt mit einer einzigartigen Melodie und dem Rhythmus im Kopf. Folgende Zeilen werden vier Mal darin wiederholt: „I keep hearing them / Hearing them come / Hearing them / Voices”. Durch Text und Melodie bekommt man ein ganz gutes Gefühl, wie es dem lyrischen Ich gehen muss: Die Stimmen kommen immer wieder, er hört sie andauernd und sie sind offenbar penetrant.

Meine Deutung von „Voices“

Nachdem ich euch meine kleine Analyse gezeigt habe, komme ich auch schon zur Deutung. Sie erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und jeder kann selbstverständlich auch eine ganze andere Message in dem Song finden – das nur erst einmal vorneweg 🙂

Ich denke, dass der Song wunderbar in die Zeit der Veröffentlichung passt. Zu dem Zeitpunkt des Erscheinens war „social distancing“ aufgrund des Corona-Virus noch sehr gefragt. Auch der Song befasst sich mit Isolation – dem Alleinsein mit seinen Sorgen und Problemen, und die einzigen Anwesenden? Die Stimmen im Kopf. Ich glaube, dass „Voices“ auch die Probleme einer psychischen Krankheit gut widerspiegelt. Vom Weglaufen über den Wunsch, gehört und vielleicht gerettet zu werden, bis hin sogar zur Manie. Sowohl im Text als auch im Beat und der Melodie sind diese Motive besonders gut zu finden.

A propos Melodie: Der Song mutet eigentlich extrem kraftvoll und positiv an. Auch das Intro, in dem noch nicht gesungen wird, lässt auf eine lockere Nummer schließen. Doch Text und Melodie sind in Dissonanz zueinander und das finde ich wiederum unglaublich interessant, wie mit den Erwartungen gespielt wird.

Obwohl es um psychische Abgründe geht, wohnt dem Lied aber doch eine besondere Stärke inne. Das zeigt sich nicht nur im gewohnten und kraftvollen Synthiepop und den Effekten des Songs, sondern auch am Text. Zum Schluss werden wir nämlich allein gelassen mit der Frage: Sind die Stimmen, die das lyrische Ich hört, ausschließlich schlecht oder kann man ihnen etwas Gutes abgewinnen? Ich glaube an Zweiteres. Dass die Stimmen, wie ich oben beschrieben habe, auch Positives wollen. Sie wollen die Person zum Weitermachen auffordern, dazu, sich selbst wiederzufinden und aufzustehen. Das Leben weiterzuleben. Vielleicht muss das Ich aber erst bereit dazu sein, den Inhalt der Stimmen hinter dem lauten Gekreische im Kopf zu erkennen.

Alles in allem also ein Song, der Verständnis zeigt, der den Wahnsinn aufzeigt und gleichzeitig auch Kraft spendet.

Nun bist du dran: Wie gefällt die der neue HURTS-Song? Gibt es etwas, das ich am Text übersehen habe oder möchtest du etwas ganze anderes loswerden? Sag es der Kommentarspalte und lass uns reden 🙂

Anmerkung: Im Text schreibe ich vom „lyrischen Ich“, benutze aber auch „das Ich“ oder „er“, auch wenn es sich natürlich um eine „sie“ handeln kann. Das ist das Schöne am lyrischen Ich: Es ist nicht mit der SängerIn oder der AutorIn gleichzusetzen, sondern jedeR kann es sein 🙂 Die Bezeichnung „er“ habe ich gewählt, um beim schreiben nicht immer alle Formen nennen zu müssen und das Lesen zu erschweren.

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