Buchrezension: C. S. Lewis – Die Chroniken von Narnia 7 – Der letzte Kampf

Autor: Clive Staples Lewis
Titel: Der letzte Kampf (Die Chroniken von Narnia 7)
OT: The Last Battle
Erschienen: 2005 in Wien: Verlag Carl Ueberreuter
OT erschienen: 1956

Der letzte Kampf

Nach etwas mehr als anderthalb Monaten des Lesens der „Chroniken von Narnia“ von C.S. Lewis kommt die Geschichte mit „Der letzte Kampf“ zum Ende. Weitere Titel dieses siebten und letzten Bandes sind „Der Kampf um Narnia“ und „Die Tür auf der Wiese. Eine Geschichte aus dem Wunderlande Narnia“. Veröffentlicht wurde die Geschichte im Jahr 1956.

So glücklich mich die Geschichten rund um Narnia gemacht haben, so sehr habe ich nach dem Lesen kritisch über die Inhalte dieses letzten Bandes und der ganzen Reihe nachdenken müssen. Deshalb wird das jetzt keine normale Rezension, sondern vor allem eine Art Sammlung meiner Gedanken, die den Band im Einzelnen, aber auch die ganze Reihe betreffen. Ich freue mich auch auf eure Gedanken!

Worum geht’s?

Der Affe Listig findet ein altes Löwenfell und überredet seinen Freund, den Esel Wirrkopf, das Fell zu tragen und sich somit als Aslan auszugeben. Listig will überall verbreiten, dass Aslan nach Narnia wiedergekehrt sei. Damit will er die Narnianen beherrschen und ihr Vertrauen gewinnen. Das schafft Listig auch – und liefert die Narnianen den Kalormenen aus. Die Tiere werden zudem versklavt und gequält.

Zur gleichen Zeit befindet sich König Tirian im Wald und erfährt von den Zuständen. Zusammen mit dem Einhorn Kleinod will er in das Geschehen eingreifen, doch die Beiden werden getrennt und Tirian wird an einen Baum gefesselt. In einer Art Traum sieht er plötzlich sieben Menschen, die ihn ebenfalls sehen können. Er bittet diese Menschen um Hilfe. Kurze Zeit später erscheinen schon zwei Kinder, die Eustachius und Jill sind. Zusammen können sie fliehen und sich mit Rüstung und Waffen eindecken. Sie greifen damit das Lager mit den Feinden an und kämpfen Seite an Seite mit Zwergen und sprechenden Tieren gegen die Kalormenen.

Zuletzt werden sie bezwungen und umzingelt; jeder der Anwesenden soll in einen Stall gehen, wo angeblich der Gott Tash auf sie warte. Dieser Gott scheint ein wahrhaft grausamer zu sein…

Nur wenig später, als sie durch die Scheune treten, kommen sie alle in ein scheinbar anderes Land, wo auch schon alle anderen Freunde Narnias warten: Edmund, Peter, Lucy, Digory und Polly. Auch Aslan wartet dort. Was dann geschieht, ist beängstigend und schön zugleich…

Aus dem Schattenreich heraus

In den folgenden Abschnitten werde ich, da ich meine Gedanken gerne vollständig aufschreiben möchte, manche Stellen im Buch spoilern. Wer das nicht lesen möchte, sollte diese Rezension erst lesen, wenn er oder sie das Buch gelesen hat 🙂

In „Der letzte Kampf“ werden die Anleihen aus dem Christentum noch einmal voll ausgeschöpft. Hier haben wir es zum Beispiel mit einer falschen Gottheit zu tun – also dem Esel Wirrkopf im Fell des Königs, der das jedoch nur tut, weil der Affe Listig es ihm befohlen hat, um die Menschen zu manipulieren.

Auch die Gottheit Tash kommt vor, die bei Lewis der Gott der Kalormenen ist. Im Buch steht er für das personifizierte Böse, im übertragenen Sinne also für eine Götzenfigur, die ebenso in der Bibel vorkommt. Letzten Endes erklärt im Buch ein Kalormen jedoch, dass er alles Gute im Namens Aslans  tat und alles Böse Tash gehört. Am Ende kommt es also darauf an, was man tut, nicht für wen oder was man es tut.

Für das nächste Phänomen musste ich mich als Nicht-Christin erst einmal schlau machen. Denn in „Der letzte Kampf“ löst sich die Welt Narnias langsam auf.

 „Mit Erstaunen und auch etwas Schrecken wurde ihnen klar, was da vor sich ging. Die sich ausbreitende Finsternis war durchaus keine Wolke, es war einfach Leere. Das schwarze Stück des Himmels war der Teil, an dem keine Sterne mehr standen. Alle Sterne fielen: Aslan hatte sie heimgerufen.“ (S. 512).

Im Christentum nennt man das Eschatologie: „[Eschatologie ist ein] theologischer Begriff, der die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen (individuelle Eschatologie) und der gesamten Schöpfung (universale Eschatologie) beschreibt.“ (Quelle: Wikipedia). Grob gesagt: Das Ende der (Narnia-)Welt. Doch es handelt sich dabei keinesfalls um das Ende aller Dinge, denn die Freunde Narnias treten lediglich in das wahre Narnia über, die „neue Welt“.

Spätestens da dämmerte es mir, wenn nicht sogar schon vorher zu dem Zeitpunkt, als Edmund, Peter und Lucy auftauchten, die eigentlich nie mehr nach Narnia zurückkehren sollten: Die Kinder sind gestorben und sind nun in Aslans vielbesprochenes Reich übergetreten. Das wird auf der allerletzten Buchseite auch noch einmal explizit ausgesprochen: Die „Freunde Narnias“ sind durch ein Zugunglück gestorben und somit aus ihrer Welt in Aslans Welt übergetreten.

In diesem Land, so erklärt Aslan, dürften sie alle für immer bleiben. Die Reise geht also weiter – ganz wie im Christentum mit dem Glauben an das Leben nach dem Tod.

Auch die Überlegungen eines berühmten Philosophen finden ihren Weg in den letzten Band: Platons Höhlengleichnis wird hier verwendet, um das Übertreten von der Schattenwelt in die wahrhaftige Welt zu illustrieren. Ein bisschen musste ich lachen wegen der Offensichtlichkeit, mit der dieses Höhlengleichnis angewandt wurde, aber andererseits unterstützt das ja auch Lewis‘ eigene Vorstellung von Narnia. Zudem kann es Kindern sicherlich auch nicht schaden, die Stufen der Erkenntnis mit Platon auf einfache Weise verständlich zu machen.

Obwohl hier auch wieder der Tod eine große Rolle spielt, ist dieser wieder sehr verständlich und nicht Angst machend dargestellt und somit auch für kleinere Kinder sehr greifbar.

Kritische Anmerkungen zum Werk

Obwohl ich so viel Positives zu dem Gesamtwerk „Die Chroniken von Narnia“ zu sagen habe (was ich am Ende noch einmal zusammenfassen werde), gibt es in speziell diesem Band als auch in den anderen die eine oder andere Sache, die ich aus heutiger Sicht sehr kritisch sehe.

Da ist in „Der letzte Kampf“ zum Beispiel die Tatsache, dass die üblen Kalormenen eine dunkle Hautfarbe und blaue Augen haben. Nicht nur wird hier eine (in unserer Welt mit Vorurteilen und angeblich negativen Eigenschaften behaftete) Hautfarbe benutzt, um Menschen als Böse hinzustellen, sondern die Kinder werden von Prinz Tirian auch dazu angehalten, sich die Haut mithilfe eines Mittels dunkel zu färben, um sich so besser tarnen zu können. Hätte Lewis sein Werk heute veröffentlicht, müsste er sich wohl noch mal genauer mit den Themen Diskriminierung und Blackfacing auseinandersetzen. (Ich behaupte an dieser Stelle nicht, dass der Autor ein Rassist sei, lediglich, dass seine Ansichten aus heutiger Sicht überdacht werden sollten).

Ich finde es zudem schrecklich übertrieben, dass Susan, Lucys ältere Schwester, von Aslan verstoßen wurde. Sie ist keine Freundin Narnias mehr, denn – und nun haltet euch fest – sie interessiert sich nur noch für ihre Schönheit, Einladungen und Nylon-Strümpfe. Und sie hält das Reden der Geschwister und Freunde für Spielereien.

„[…] Sie war immer hübsch anzuschauen und hat nur eines im Sinn: erwachsen zu sein.“

„Erwachsen, tatsächlich“, meinte Lady Polly, „Ich wünschte, Susan wäre erwachsen. Sie hat ihre ganze Schulzeit damit verschwendet, um in das Alter zu kommen, in dem sie jetzt ist, und sie wird den ganzen Rest ihres Lebens vergeuden, um in diesem Alter zu bleiben.“ (S. 506)

Echt jetzt? Susans Vergehen war kein Schlimmeres als dass sie sich um ihre Schönheit und ihren Status kümmert? Ja, das ist durchaus oberflächlich, aber deshalb doch noch lange kein verlorener Fall. Oder sehe ich das alles zu dramatisch? Ich finde, dass man Kindern, die dieses Buch lesen, dadurch auch nicht unbedingt beibringen muss, dass es schlimm ist, auf das Äußere zu achten, solange man alles andere, vor allem das eigene Selbst, nicht aus den Augen verliert. Einen besser erklärten Hintergrund zu Susans Verbannung wäre mir hier lieber gewesen, denn so oberflächlich Susan beschrieben wird, so oberflächlich ist leider diese Textstelle in meinen Augen.

Ein weiterer Punkt, der sowohl ein Plus- als auch ein Minuspunkt für mich ist, ist die sehr offensichtliche Anspielung auf das Christentum. So schön es ist, die Ideen dieser Lehre in versteckter Form an Kinder weiterzugeben, so heftig fand ich es oft, wie offensichtlich manches dargestellt wird. Passenderweise habe ich gelesen, dass Tolkien, der mit Lewis befreundet war, ihm wohl ebenso unterstellt habe, dass die Allegorien zu offensichtlich seien. Ob das der Grund war, warum die Freundschaft der beiden Männer später abgekühlt ist, sei mal dahingestellt…

Zusammenfassung und Verfilmungsgerüchte auf Netflix

Zum Abschluss meines kleinen Ausflugs nach Narnia über die letzten Wochen hinweg will ich noch einmal in Stichpunkten zusammenfassen, was mich an dem Werk fasziniert hat:

  • Eine fantasievolle Welt, die Narnia darstellt
  • Verwebung der Geschichte über mehrere Generationen hinweg (und alle hinterlassen ihre Spur in Narnia)
  • Mädchen waren genauso repräsentiert wie Jungen und wurden sogar zu Königinnen
  • Christliche Anspielungen, die jedoch nicht bekehrend wirken (ich bin nicht religiös erzogen wurden, habe aber als Jugendliche auch nie gemerkt, dass man mir eine Religion „verkaufen“ will)
  • Vielen verschiedenen Kreaturen wird ein Raum gegeben; selbst die Kleinsten können große Helden werden
  • Einfache, verständliche Sprache und rührende Passagen, die für Kinder super geeignet sind
  • Aber natürlich auch für Erwachsene 😉
  • Aslan als Herrscher über Narnia erscheint zwar mächtig, aber nie angsteinflößend
  • Charaktere sind nicht starr, sie entwickeln sich weiter
  • Man lernt nicht nur Narnia, sondern auch andere Länder kennen
  • Die Welt von Narnia ist so groß, dass man sich sogar einfach selbst sein eigenes Abenteuer in diesem Land ausdenken kann: jeder ist willkommen!

Puh, ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe! Denn trotz des einen oder anderen Kritikpunktes bin ich ein Fan von Narnia, von Aslan, den Kindern (allen voran Lucy) und den sprechenden Tieren. Jeder sollte mindestens einmal dorthin reisen in seinem Leben 😉

Und zu guter Letzt gibt es noch Neuigkeiten: Des Öfteren habe ich ja schon die Verfilmungen von drei Narnia-Bänden erwähnt. Weitere Filme folgten leider nie, doch nun hat Netflix die Rechte an allen sieben Bänden und will sie als Serie auf den Bildschirm bringen! Leider sind noch nicht viele Details bekannt, aber ich werde in Zukunft natürlich die Augen nach weiteren Infos offenhalten. In der aktuellen Situation werden konkrete Dreharbeiten wohl sowieso noch nicht stattfinden. Gespannt bin ich aber trotzdem, denn Lewis‘ Stiefsohn ist in die Sache mit eingespannt. Ich denke, als Serie kann das extrem gut funktionieren.

Nun bist du dran: Möchtest du zum Abschluss dieser kleinen Narnia-Serie noch etwas loswerden? Fragen, Anregungen, Diskussionsbedarf? Ich bin offen für alle Nachrichten, melde dich gerne im Kommentar!

Zu den anderen Teilen:

  1. Das Wunder von Narnia
  2. Der König von Narnia
  3. Der Ritt nach Narnia
  4. Prinz Kaspian von Narnia
  5. Die Reise auf der Morgenröte
  6. Der silberne Sessel

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