Buchrezension: Marc-Uwe Kling – Qualityland

Kling, Marc-Uwe (2018): Qualityland. 6. Auflage. Berlin: Ullstein Buchverlage. 381 S.

„In Qualityland lautet die Antwort auf alle Fragen: OK“

Ganz gespannt war ich, als ich von Marc-Uwe Kling, dem Autor der Känguru-Chroniken, hörte, dass er nun einen Roman veröffentlichen würde. Dazu noch einen dystopischen. Lange hat es gedauert, bis ich das Buch nun endlich im Regal hatte und gelesen habe. Nicht lange hat es jedoch gedauert und durch war ich damit!

Worum geht’s?

Eine digitale Dystopie. So kann man diesen Roman wohl nennen, in dem wir nach Qualityland reisen, ein Land, in dem Menschen mit Nachnamen wie die Berufe ihres Vaters heißen. So lernen wir also Peter Arbeitsloser kennen, einen Gebrauchtwarenhändler, der auch eine Schrottpresse betreibt. Peter bekommt Pakete von TheShop, dem Äquivalent unseres Amazon, ohne zu bestellen zugeschickt, da der Laden anhand Peters Daten weiß, was er sich insgeheim wünscht. So bekommt er zum Beispiel ein neues Qualitypad zugeschickt, oder aber auch – und das passt Peter gar nicht – einen pinken Delfinvibrator.

Die zweite Hauptperson der Geschichte ist John of Us. Wobei Person doch stark übertrieben ist, denn er ist ein Androide. Dieser soll als erster Androide für die anstehende Präsidentschaftswahl anstehen, denn dass die aktuelle Präsidentin bald stirbt, kann das System auf den Tag genau bereits ausrechnen.

Martyn Vorstand ist gewissermaßen die dritte Hauptperson. Er ist Vorstand der Partei, der auch John of Us angehört. Martyn ist gelinde gesagt ein Scheusal. Er führt eine unglückliche Ehe, er hasst sein Kind, er fährt auf junge Mädels ab.

Im Buch verfolgen wir oftmals Peters Geschichte. Denn im Gegensatz zu so vielen anderen Menschen, die vollkommen in der neuen Welt leben, in der Hitler nur noch aus Musicals bekannt ist und in der statt des Fingerabdrucks nur noch mit Lippenabdrücken – also Küssen – bezahlt wird, fühlt sich Peter nicht wohl und wirkt fast altmodisch im Gegensatz zu anderen Menschen, die ihre Androiden-Nanny auf Kinder aufpassen lassen.

Als Peter schließlich einen Delfinvibrator von TheShop zugeschickt bekommt, wird es skurril: Er braucht das Teil nicht, doch TheShop rühmt sich schließlich damit, immer zu wissen, was der Kunde braucht, und wenn es nur unterbewusst ist. Peter wird schließlich aktiv und will den Vibrator zurückgeben. Dabei macht er eine unglaubliche Odyssee durch, auf der er Unterstützung von der jungen Frau Kiki, der E-Poetin Kalliope, vom kaputten Qualitypad Pink und noch einigen anderen (leider kaputten) elektrischen Geräten bzw. Androiden bekommt.

Der Aufbau des Buches

Ich muss sagen, dass der Aufbau des Buches einen großen Reiz ausmacht! Man sollte zuerst wissen, dass es zwei Versionen des Buches gibt: Eines von der hellen Seite und eines von der dunklen Seite der Macht. In beiden Büchern liegen leichte Änderungen vor, die sich aber nur auf die Nachrichten und „Werbeanzeigen“ zwischen den Kapiteln beziehen. Ich habe mich übrigens für die dunkle Seite der Macht entschieden… hauptsächlich, weil ich bezüglich des Covers das Gold auf dem Schwarz einfach schön fand 😉 Übrigens fällt auf, dass, wenn man Klings Namen auf dem Cover als Ganzes betrachtet, dieser wie ein „E“ aussieht, was durch die Buchstabenanordnung den Buchtitel „Equalityland“ ergibt. Zufall…? Seit ich es gesehen habe, kann ich es jedenfalls nicht mehr nicht sehen!

Wie schon erwähnt, gibt es zwischen den Kapiteln immer wieder Werbeanzeigen von skurrilen Internetdiensten und Nachrichten, die aber auch nur so vor Werbung strotzen. Das lockert das Buch sehr auf und lässt den Sarkasmus gleich noch etwas mehr tropfen. Auch die uns allbekannten Internet-Trolle treffen wir in diesen Zwischenstücken, denn natürlich bleiben Kommentare im Netz nicht aus!

Die Thematik

Wie gesagt, geht es hauptsächlich darum, dass uns die Technik heutzutage schon so auf Schritt und Tritt begleitet, sodass es durchaus vorstellbar ist, dass eines Tages die Technik an die Macht kommen wird, so wie es im Buch im wahrsten Sinne des Wortes geschieht.

Es fängt damit an, dass Androiden nicht nur lästige Aufgaben abnehmen, sondern sogar geistige Arbeit übernehmen. Das zeigt sich nicht nur darin, dass in einer von John of Us besuchten Fabrik nur noch ein Mensch unter zig Androiden arbeitet, sondern auch darin, dass es zum Beispiel E-Poeten gibt, die die Bücher für Menschen schreiben. Diese schreiben nur noch das, was Menschen lesen wollen (natürlich alles erhoben durch individuelle Daten) und personalisieren die Bücher zum Teil sogar. Die E-Poetin Kalliope, die sich eigentlich bei Peter verschrotten lassen soll, ist eine davon. Herrlich sarkastisch werden hier ihre gescheiterten Bücher aufgeführt, die allesamt heute (noch) als Klassiker bekannt sind und von denen jeder zumindest schon mal gehört hat!

Doch damit nicht genug: Ich erwähnte ja bereits, dass TheShop eine Art fiktives Amazon ist. Das, was wir von dem riesigen Konzern schon irgendwie kennen, taucht hier verstärkt auf: TheShop weiß nicht nur, was dich „auch interessieren könnte“, sondern es weiß genau, was du dir wünschst. Auch wenn du es dir eigentlich nicht wünschst. Der Trick ist, die Menschen nach dem Bilde von TheShop zu schaffen, aus ihnen das zu machen, was TheShop will, indem Dinge einfach aufgezwungen werden.

Androiden-Nannys, selbstfahrende Autos, automatische Bestellungen im Restaurant, und, und, und… die Zukunftsvision, die Kling da entwirft, ist herrlich skurril und sarkastisch, aber auch gar nicht so undenkbar.

Schreibstil

Wer Marc-Uwe Kling von den Känguru-Chroniken kennt, weiß, wie sein Humor ist. So liest sich auch dieses Buch an vielen Stellen wieder herrlich witzig und so manches Mal musste ich laut auflachen (und das will was heißen, denn das tue ich nicht häufig beim Lesen 😀 ). Man rutscht geradezu in die Geschichte rein und findet sich dank der vielen Erklärungen zu den Abläufen in Qualityland schnell zurecht.

Auch „für zwischendurch“ ist Qualityland sehr gut geeignet. Durch die überschaubaren Personen kommt man nicht so schnell durcheinander und Kapitel lassen sich auch mal in ein paar Minuten schnell lesen.

Meine Meinung

Noch bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich es gut finde, dass fast nur die digitale Entwicklung eine Rolle spielt. Im Laufe des Buches wird es doch sehr deutlich, dass Klings Aussagen vor allem auf das hinauslaufen, was heute schon ein Problem darstellt: Big Data und der Umgang der Großkonzerne damit; Sorglosigkeit seitens der Bevölkerung; Sicherheit der Daten im Netz; der gläserne Mensch; die bedenkenlose Zustimmung zu AGBs (Quasi unfreiwilliges Seelenverkaufen); der Fingerabdruck als hochsensible biometrische Daten im Netz; die Übernahme der Menschen durch die Maschinen; Filterblasen. All das stellt Kling in seinem Roman erschreckend realistisch dar. Man kommt nicht drum herum, zu denken, dass sein Szenario tatsächlich bald so kommen könnte.

Doch andererseits hat mir dann irgendwie der gesellschaftliche Einblick noch ein bisschen gefehlt. Oder andere Neuerungen, über die man sich so noch nicht so recht Gedanken gemacht hat. Seit Tagen grüble ich danach, wie ich es in Worte fassen kann, aber vielleicht beschreibt es dieser Satz noch mit am besten: Manchmal fehlt es mir ein bisschen an Tiefe.

Das soll nun keinesfalls falsch verstanden werden, denn der Roman hat sich insgesamt wirklich spannend, witzig und abwechslungsreich gelesen! Nur eben das Wegkommen von der Oberfläche hat mir noch ein klein wenig gefehlt.

Was mir allerdings sehr gefallen hat: Wir lesen im Buch, wie, nennen wir es mechanische Liebe, stattfindet. Verträge werden gemacht, es wird sich an allen Ecken und Enden mit Lippenabdruck abgesichert, aber es fehlt doch an Menschlichkeit. Das ändert sich am Ende noch einmal um 180 Grad. Ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, aber das war ein wirklich schönes menschliches Erlebnis inmitten all der Technik und der Roboter.  ❤

Und nun seid ihr dran: Lest ihr gerne Dystopien?

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