Buchrezension: Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini

Ferdinand von Schirach - Der Fall Collini

Autor: Ferdinand von Schirach
Titel: Der Fall Collini
Erschienen: 2017 in Verlagsgruppe Random House, München. 4. Auflage.
Erstausgabe: 2011 im Piper Verlag, München.
Seiten: 192

Manchmal liest man diese Bücher, die einen aus der eigenen Komfort-Zone herausführen und einen dann ganz und gar sprachlos zurücklassen. „Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach ist so ein Fall. Ohne, dass ich wusste, worum es genau geht, habe ich dieses Buch gelesen – und keine Seite diese Entscheidung bereut!

Worum geht’s?

Im Berliner Hotel Adlon wird der 85-jährige Hans Meyer, Inhaber der Meyer-Werke, ermordet. Der Täter: Fabrizio Collini. Er stellt sich der Polizei. Doch was treibt ihn zu einem solchen Mord – und warum versucht er keinesfalls zu fliehen? Seinen Fall übernimmt der Junge Pflichtverteidiger Caspar Leinen.

Was Leinen zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Hans Meyer ist der Großvater seines verstorbenen Jugendfreundes, bei dem er in seiner Kindheit und Jugend praktisch groß geworden ist. Meyers Enkelin Johanna bittet Leinen deshalb, das Mandat niederzulegen.

Nachdem sich Leinen Ratschläge vom berühmten Strafverteidiger Mattinger eingeholt hat, nimmt er das Mandat schließlich doch an und ein harter Kampf vor Gericht beginnt. Nachdem zunächst alles nach Mord aussieht und der Fall für Leinen aussichtslos erscheint, da Collini zudem nicht über seine Tat reden möchte, gibt es eine mehrtägige Prozessunterbrechung. Diese bringt für Leinen die Erleuchtung: Nach einem Gespräch mit seinem Vater und einem Detail an der Tatwaffe Collinis hat Leinen eine vage Spur, die ihn nach Ludwigsburg führt.

Dort führt es ihn in die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Caspar Leinen findet eine Vielzahl relevanter Dokumente. Was er schließlich zutage fördert, schockt nicht nur die Richterin, sondern auch die Leser…

Professionalität vs. Private Betroffenheit

Was zunächst wie eine fast alltägliche Gerichtsverhandlung scheint, entpuppt sich doch schnell als ungewöhnlicher Fall. Zunächst einmal ist es Leinens erster Fall als junger Pflichtverteidiger. Noch dazu ist er persönlich betroffen, denn Hans Meyer war eine starke Vaterfigur in seiner Jugend. Und dann ist da noch dieser Collini, der so ganz anders ist als man sich einen Mörder vorstellt: Er flieht nicht nach seiner Tat, er versucht gar nicht erst, sich zu verteidigen und er erzählt auch sonst nichts, was die Ermittlungen voranbringen könnte.

Doch Collini hat Glück, einen so engagierten Verteidiger zu haben: Caspar Leinen war mir von Anfang an sympathisch. Er wohnt bescheiden, fährt das alte Auto seines Vaters (zugegebenermaßen einen Mercedes, aber es hat doch etwas charmant Altmodisches) und er stellt seine Pflicht als Verteidiger über seine persönlichen Interessen und über seine Gefühle für Johanna.

Schon bald lernen wir, dass es um mehr als nur einen belanglosen Mord geht, denn Ferdinand von Schirach verarbeitet in diesem Buch den sogenannten „Verjährungsskandal“ von 1968. Dieser beinhaltet, dass das Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (EGOWiG) von Eduard Dreher, dem damaligen Leiter der Strafrechtsabteilung im Bundesjustizministerium, quasi unbemerkt durchgesetzt werden konnte. Dieses Gesetz besagt, dass jeder, der die Befehle der höchsten Naziführung ausführte, nur als Totschläger (Mordgehilfe) und nicht als Mörder anzusehen war.

Das bedeutete, dass viele Soldaten, die damals Menschen haben töten lassen oder sie selbst grausamst getötet haben, damals ohne Bestrafung davonkamen. Als dieses Gesetzesproblem bekannt wurde, war es schon zu spät: Wenn eine Tat einmal verjährt ist, kann dies nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Hans Meyer und Fabrizio Collini betrifft genau dieses Gesetz und schon bald wird dem Leser klar, was Collinis Motiv für den Mord war.

Genau diese Wendung, dieser Einfluss deutscher, fast vergessener NS-Geschichte, ist es, was den Reiz des Buchs für mich ausgemacht hat. Wir werden mit moralischen Fragen konfrontiert, denen sich Anwälte sicherlich oft in ihrem Leben stellen müssen. Auf der einen Seite steht ein Mord an einem Menschen; auf der anderen Seite steht ein ungesühntes Kriegsverbrechen. Auf der einen Seite steht ein SS-Mann; auf der anderen Seite ist dieser Mann eine Vaterfigur für Leinen gewesen. Auf der einen Seite steht Johanna, die Leinen nicht erst seit gestern wundervoll findet; auf der anderen Seite steht Collini, ein Mann, den er verteidigen muss – und will.

Ich mag es sehr, wie in dem Buch mit diesen Fragen im Hintergrund umgegangen wird und dennoch nie nur in eine Richtung geurteilt wird. Dem Leser bleiben so alle Möglichkeiten des Nachdenkens offen.

Ferdinand von Schirach - Der Fall Collini

Der Schreibstil und abschließende Meinung

Dieses Buch hat mich auf wirklich vielen Ebenen beeindruckt! Da ist natürlich nicht nur die Thematik im Spiel, sondern auch von Schirachs Schreibstil und der Aufbau von „Der Fall Collini“.

Ich dachte immer, dass gerade ausufernde Beschreibungen und kleinste Details mein Ding sind. Doch der Autor hat mich mit seiner schnörkellosen, geradlinigen und klaren Schreibweise davon überzeugt, dass es auch anders geht.

„Der Tisch seines Vaters stand schräg im Raum, an einem Bein war ein Stück Holz abgeplatzt.“ (S. 37)

Ferdinand von Schirachs Sätze sind einfach und verständlich, wörtliche Rede wechselt sich mit Beschreibungen ab. Zwischendurch reisen wir auch ein paar Mal in die Vergangenheit, was uns einerseits Leinens Verhältnis zu den Meyers verstehen lässt und uns andererseits auch eine schlimme Nazi-Vergangenheit vor Augen führt.

Außerdem mag ich es, dass der Leser zunächst im Unklaren gelassen wird, als Leinen schon eine erste Idee hat, was Collinis Motiv sein könnte.

Abschließend kann ich „Der Fall Collini“ nur jedem empfehlen, der gerne eine kürzere Lektüre lesen möchte und dennoch nach anspruchsvollem Stoff sucht. Die Worte des Autors klingen noch lange nach und lassen uns über viele Fragen nachdenken. Zudem arbeitet der Roman einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte auf, was ich wirklich klasse finde. Ich freue mich, in Zukunft mehr vom Autor zu lesen!

Hast du das Buch gelesen oder den Film dazu gesehen? Verrate mir gerne mehr darüber in den Kommentaren!

Viel Spaß beim Lesen wünscht
Jacqui

Meine Bewertung im Detail

Handlung ♥♥♥♥♥

Charaktere ♥♥♥♥♥

Sprache ♥♥♥♥♥

Emotionen ♥♥♥♥♥

Gesamt 5/5

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About mademoisellepusteblume

Hi! Ich bin Jacqui und noch sehr neu in der Welt des Bloggings. Nachdem ich mir immer vorgestellt hatte, einen Blog über Dinge zu führen, die mich und möglicherweise auch Andere interessieren, setze ich dieses Vorhaben nun in die Tat um. Momentan bin ich noch Studentin der Film- und Medienwissenschaften. Ich liebe Bücher, Filme, Serien und Musik über alles. Auch Fotografieren, Sport machen, Sprachen und die Natur erkunden gehören zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich hoffe, die einen oder anderen Leser auf eine Reise durch meine Gedanken mitnehmen zu können!

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