Buchrezension: Mark Scheppert – Leninplatz

Mark Scheppert - Leninplatz

OT: Leninplatz
Autor: Mark Scheppert
Erschienen: 2018 bei Books on Demand
Seiten: 144

Vielen Dank an Mark Scheppert, der mir das Buch zum Rezensieren zur Verfügung gestellt hat!

Was für ein Wahnsinn muss es sein, in einem von einer Mauer geteilten Land aufzuwachsen? Obwohl ich gerade noch 10 Tage vor dem Mauerfall in der DDR geboren wurde, habe ich davon natürlich nicht besonders viel davon mitgekriegt. Heute weiß ich nur von meinen Eltern, dass sie mich nachts beruhigten und dabei am 9.November im Radio die unfassbare Meldung lief. Meine Eltern dachten zunächst, es handelte sich um einen Scherz.

Durch das Buch „Leninplatz“, geschrieben vom gebürtigen Ost-Berliner Mark Scheppert, konnte ich einen kleinen Einblick in den Alltag eines Jugendlichen in der DDR erhalten, denn der Autor beschreibt lebhaft seine eigenen Erfahrung aus jener Zeit in kleinen Geschichten.

Worum geht’s?

Mark, sein Bruder Benny und seine Freunde wohnen rund um den Leninplatz in Ostberlin. Zwar ist der Alltag in der DDR oftmals schwierig – an coole Musik ranzukommen, ist beispielsweise kein leichtes Unterfangen für die Freunde – doch Mark und seine Freunde machen das Beste aus ihrer Zeit und erleben aufregende Dinge. Party, Mädchen, Alkohol, all das sind Dinge, die den Alltag nach der Schule und an den Wochenenden besonders lebenswert machen.

Mit den Jahren kommt aber auch eine kritische Denkweise: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“, ein Zitat von Rosa Luxemburg, bekommt für Mark und seine Freunde eine Bedeutung und die friedliche Revolution nimmt um das Jahr 1989 herum plötzlich Platz im Leben der Teenager ein.

Unterhaltsame Geschichten

Natürlich habe ich selbst keinerlei Erfahrungen mit dem DDR-Alltag. Aber durch die Geschichten meiner Eltern habe ich die eine oder andere Verhaltensweise und so manche Geschichte wiedererkannt. Zu Beginn des Buchs wird Rosa Luxemburgs (unvollständiger) Spruch zum Beispiel an die Wand in der Schule gesprayt und ziemlich schnell wird klar: Solch revolutionären Aussprüche sind in der konservativen DDR nicht geduldet und schnell wird der Spruch überpinselt. Das erinnerte mich sehr daran, dass mein Papa und sein Kumpel auch gerne mal etwas Provozierendes sagten, doch natürlich versuchten z.B. Lehrer revolutionäre Ideen im Keim zu ersticken – was nicht selten auch in vollkommener Ignoranz mancher Taten endete (in dem Sinne, dass man versuchte, es zu verstecken. Was nicht bedeutet, dass Handlungen keine Konsequenzen nach sich zogen, eher im Gegenteil).

Was man hier ganz gut merkt, ist, dass Mark und seine Freunde zu diesem Zeitpunkt Teenies sind, die nur Flausen im Kopf haben. Aus dem Spruch machen sie einen Scherz unter Freunden, tiefgehender wird es erst einmal nicht. Mark, seine Freunde Torte, Bommel und noch mehr treffen sich vor allem gern im Alfclub, einem selbst gestalteten Raum im elterlichen Wohnblock, um sich dort über die Schule und die Mädchen auszutauschen und sich am Alkohol zu probieren.

Doch auch ein elterlicher Sommerurlaub in Ungarn findet Platz, in dem Mark und sein Bruder Benny zum Beispiel Shirts und Platten kaufen, die sie sonst in der DDR nicht bekommen würden. Ein Trip an die Ostsee mit den Freunden, bevor die Schule endet und jeder seinen Ausbildungsplatz oder seinen Platz an der Erweiterten Oberschule antritt, muss natürlich ebenso sein.

Zeitreise durch Schreibstil

Was mir ganz besonders aufgefallen ist, ist der Schreibstil, in dem der Autor das Buch verfasst hat. Da ich nur dieses Buch kenne, habe ich natürlich keinen Vergleichswert mit anderen Werken des Autors, aber ich hatte doch zumindest den Eindruck, dass der Leser vor allem auch durch den Schreibstil in der Zeit zurückversetzt werden soll.

In der Ich-Perspektive und im Präsens geschrieben, wird man sofort in die Geschichte hineingezogen und kann mit der Hauptfigur Mark gut mitfühlen. Mir hat sehr gefallen, dass sich der Protagonist innerhalb der Geschichte, die sich über ca. 2 Jahre erstreckt, so weiterentwickelt hat. Von einem Teenie, der seine eigenen Freuden und die Zeit mit Freunden im Kopf hat (was vollkommen legitim ist) hin zu einem jungen Mann, der sich Gedanken über die politische Lage des Landes macht.

Wie gesagt, trägt auch der Schreibstil dazu bei, sich gut in die Zeit der DDR hineinversetzen zu können. Begriffe wie „kuhl“ (für „cool“), „urst einfetzen“ (etwas ist ziemlich genial) oder „Piepel“ (Kind) kenne ich von zu Hause auch so. Es gab noch einige mehr Beispiele, die mich haben grinsen lassen, weil ich mir sehr sicher bin, dass sie manche meiner westdeutschen KollegInnen im Büro nicht verstehen würden.

Anfangs fiel es mir noch ein bisschen schwer, in diesen besonderen Schreibstil rein zu finden, doch das wurde mit jedem Kapitel besser. Übrigens kann man manche Kapitel auch alleinstehend für sich lesen, besonders, wenn man das Buch schon einmal komplett gelesen hat. Die Geschichten sind in sich nämlich häufig abgeschlossen.

Wer also unbedingt einmal ein ganz anderes Buch über Geschichten in der DDR lesen möchte, der sollte sich unbedingt „Leninplatz“ von Mark Scheppert zu Gemüte führen! Durch die sehr persönlichen Erzählungen wird die Geschichte erlebbar, auch wenn man nicht selbst dabei war. Unterhaltung garantiert!

Viel Spaß beim Lesen wünscht
Jacqui

Meine Bewertung im Detail

Handlung ♥♥♥♥♥

Charaktere ♥♥♥♥♥

Sprache ♥♥♥♥♡

Emotionen ♥♥♥♥♥

Gesamt 4,75/5

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