Buchrezension: Hami Nguyen – Das Ende der Unsichtbarkeit. Warum wir über anti-asiatischen Rassismus sprechen müssen

Hami Nguyen – Das Ende der Unsichtbarkeit. Warum wir über anti-asiatischen Rassismus sprechen müssen

Autorin: Hami Nguyen
OT: Das Ende der Unsichtbarkeit. Warum wir über anti-asiatischen Rassismus sprechen müssen
Erschienen: 2023 in Berlin: Ullstein
Seiten: 269

Viele von uns haben sich mittlerweile auf die eine oder andere Art mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt. Auch ich habe vor allem seit 2020 viele gute Bücher zur Sensibilisierung gelesen. Doch eine Perspektive hat mir bisher noch gefehlt: die von anti-asiatischem Rassismus Betroffenen. Aktivistin und Autorin Hami Nguyen hat nun genau dieses Buch geliefert, das die Probleme sichtbar macht: „Das Ende der Unsichtbarkeit. Warum wir über anti-asiatischen Rassismus sprechen müssen“.

Worum geht’s?

Hami Nguyen erzählt in diesem Buch ihre eigene Geschichte und erläutert dabei, welche Probleme asiatisch gelesene Menschen bei uns haben. Dabei stützt sie sich auf Erfahrungen, die sie als Kind vietnamesischer Eltern, die als Gastarbeiter*innen nach Deutschland kamen, gemacht hat.

In insgesamt 11 Kapiteln spricht die Autorin über ihre Kindheit in Deutschland, über die Unsichtbarkeit vietnamesischer Migrant*innen und über den Mythos der „fleißigen Arbeiter*innen“. Auch die Themen „asiatisches“ Essen, Hypersexualisierung, rassistische Gewalt und Aussehen spielen in den Kapiteln eine Rolle.

Der Unsichtbarkeit ein Ende machen

Sehr gut erinnere ich mich an eine Aussage meiner Mutter: „Ach, das war doch in der DDR kein Problem mit den Migrant*innen. Die haben ihre Arbeit gemacht und niemand hat was gegen die gehabt! Das hat doch auch super geklappt mit dem Zusammenleben.“ Natürlich meinte meine Mutter das nicht despektierlich, so hat sie es damals eben wahrgenommen. Die Wahrheit jedoch, wie Hami Nguyen es schreibt, ist eine andere. Unter anderem vietnamesische Migrant*innen kamen als Gastarbeiter*innen und sie lebten mehr oder weniger isoliert von dem Rest der Bevölkerung, wenn sie nicht auf der Arbeit waren. So haben sie manchmal zum Beispiel gar nicht mitbekommen, wenn ihre Kinder in die Schule gehen mussten, weil es eine Schulpflicht gab. Sie haben versucht, so wenig auffällig wie möglich zu sein, um andere nicht zu „stören“ und keinen Grund zu geben, Hass gegen sie zu entwickeln. Das resultiert in der Unsichtbarkeit, die bis heute noch anhält. Hami, ihre Familie sowie viele andere betroffenen Familien mussten oder müssen noch immer alle paar Monate beweisen, dass sie eine Existenzberechtigung in Deutschland haben, da sie keinen permanenten Aufenthaltstitel haben.

„Niemand wollte jemals einen „Migrationshintergrund“ haben, und dennoch scheint die Dominanzgesellschaft von einer gewissen Freiwilligkeit auszugehen. Man müsse ja nicht hier in Deutschland leben. Man können doch wieder „zurück“-gehen. Das wird selbst denjenigen Menschen gesagt, die in dritter Generation hier leben und für die dieses „Zurück“ höchstens das kleine niedersächsische Dorf ist, in dem sie aufgewachsen sind.“ (S.22)

Der Mythos der fleißigen Arbeiter*innen und Schüler*innen

Wovon wir sicherlich alle schon einmal gehört haben, ist, dass vietnamesische, chinesische, japanische,… Menschen so fleißig wären. Quasi von Natur aus. Man nennt sowas auch positiven Rassismus. Viele sehen diesen nicht als besonders schlimm an, denn schließlich ist das ja etwas Gutes, wenn jemand fleißig ist und bestrebt, sich zu integrieren.

Hami zeigt anhand ihrer eigenen Erfahrung, dass auch dahinter so viel Unsichtbarkeit steckt. So stand in ihrem ersten Zeugnis, dass sie fleißig, höflich und gut integriert sei. Dies wurde als Integrationswille angesehen, doch es steckte so viel mehr dahinter: Der Wille, dazuzugehören. Der Fakt, dass sie fehlende Sprachkenntnisse erst einmal aufholen musste, um die anderen Schüler*innen zu verstehen. Nichts zu sagen aus Angst, etwas Falsches zu sagen, wurde als Höflichkeit wahrgenommen. Sie und viele andere Kinder von Migrant*innen hatten keine andere Wahl – sie mussten die Anforderungen erfüllen, um nicht ausgegrenzt zu werden, was mit psychischen Belastungen einherging.

„Ich litt unter der enormen psychischen Belastung und einem geringen Selbstwertgefühl, das daher rührte, dass ich mich ständig unterordnete und meine Persönlichkeit versteckte.“ (S. 98)

Es tut weh… und das muss es auch

Hami hat mit „Das Ende der Unsichtbarkeit“ ein Buch geschrieben, das jeder lesen sollte, denn es legt den Finger auf so viele Stellen, in denen sich einige von uns wiedererkennen werden. Niemand von uns ist frei von Rassismen und es hat mich unglaublich erschreckt, dass ich mich in der einen oder anderen Situation erkannt habe, wie ich in der Vergangenheit ebenfalls gewisse Vorurteile hatte und ebenfalls nicht die Probleme asiatisch gelesener Menschen gesehen habe.

Umso wichtiger ist es, dass sich jeder von uns informiert, zum Beispiel mit diesem Buch. Es ist wichtig, die individuellen Erlebnisse sichtbar zu machen und zu sehen, dass nur, weil Menschen jahrelang still waren, das nicht bedeutet, dass diese Erfahrungen weniger gewichtig sind. Mit ihrem Buch hat die Autorin die Unsichtbarkeit ein Stück weit beendet. Ich habe viel aus den persönlichen Schilderungen, die immer auch mit politischen Ereignissen, geschichtlichen Hintergründen und Fachliteratur untermauert wurden, für mich mitgenommen. Vielleicht ist es auch für euch ein neues Buch auf eurer Leseliste?

Viel Spaß beim Lesen

Eure Jacqui

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Erstelle eine Website oder ein Blog auf WordPress.com

Nach oben ↑