Buchrezension: J.R.R. Tolkien – Der Fall von Gondolin

Autor: J.R.R. Tolkien
Herausgeber: Christopher Tolkien
Titel: Der Fall von Gondolin
Originaltitel: The Fall of Gondolin
Ausgabe: 2018 in J.G. Cotta’sche Buchhandlung
Seiten: 352

Nach „Beren und Lúthien“ und „Das Silmarillion“ konnte ich wieder eine Geschichte aus dem ersten Zeitalter Mittelerdes beenden: „Der Fall von Gondolin“, ein Buch, das Christopher Tolkien herausgegeben hat. Und was soll ich sagen: Wieder einmal bin ich begeistert!

Worum geht’s?

Dass es um den Fall der Stadt Gondolin geht, habt ihr sicherlich am Titel bereits erraten 😉 Genauer gesagt stehen sich zwei mächtige Herrscher gegenüber: Der böse Morgoth (auch Melkor genannt) und auf der anderen Seite Ulmo, der Gott der Meere, Seen und Flüsse. Und worum streiten sie sich? Um die verborgene Elben-Stadt Gondolin, dessen König Turgon ist.

So wird Tuor, der Sohn Huors, welcher in der Schlacht der Ungezählten Tränen starb, von Ulmo ausgesandt, um zur Stadt Gondolin zu reisen und Turgon vor einem bevorstehenden Angriff Morgoths zu warnen. Tuor macht sich auf den gefahrvollen Weg, doch kann er Turgon zunächst nicht überzeugen. Tuor heiratet indes Turgons Tochter Idril und sie gebiert ihm den Sohn Earendil (im Buch oft nach alter Schreibweise Earendel genannt), der später als berühmtester Seefahrer des Ersten Zeitalters bekannt wird.

Eine Zeit lang kann Gondolins Volk so noch in Frieden leben, doch ein Verräter erzählt Morgoth, wie er Gondolin angreifen und zerstören kann… in weiser Voraussicht hat Tuor bereits zuvor einen Tunnel gegraben, durch welchen er viele der Elben und seine Familie schließlich retten kann, als Orks, Balrogs und Drachen die Stadt angreifen und niederbrennen.

Die Umsetzung

Wie auch bei „Beren und Lúthien“, und ich nehme an auch bei „Die Kinder Húrins“, hat Christopher Tolkien die Aufzeichnungen seines Vaters zusammengetragen, in Reinschrift gebracht und Erklärungen zu den unterschiedlichen Versionen notiert.

So gibt es denn drei verschiedene Versionen der Geschichte: „Die ursprüngliche Geschichte“, „Die Geschichte in der Fassung der Quenta Noldorinwa“ und „Die letzte Fassung“. Zu allen Geschichten schreibt Tolkien Erklärungen, Veränderungen, manchmal nur kleine szenische Änderungen, die aber dennoch aufschlussreich sind.

So taucht zum Beispiel in einer Fassung auf dem Weg von Tuor und Voronwe auf dem Weg nach Gondolin im Wald ein Mann auf. Es ist nur eine kurze Begegnung, doch dieser Mann ist Túrin, ein Sohn Húrins, also Tuors Cousin, was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß. Túrin flieht aus der untergehenden Stadt Nargothrond, was wiederum in „Die Kinder Húrins“ beschrieben wird.

Spannend finde ich auch, dass man noch ein paar Dinge über J.R.R. Tolkien erfährt und wie seine Werke vorangeschritten sind:

Heutzutage ist es unvorstellbar, dass ein Buch wegen Papierknappheit nicht gedruckt werden kann – vor fast 100 Jahren war das aber der Fall. Und wir wissen ja alle, was für ein Klopper „Der Herr der Ringe“ ist, ganz zu schweigen vom „Silmarillion“, welches eigentlich als Teil des Herrn der Ringe anzusehen ist. So musste denn auch Tolkien damals Zugeständnisse machen, die ihn jedoch betrübten: Beide Werke hatten, wie er in einem Brief erklärt, bereits „Staub angesetzt“ und er war aufgrund der Papierknappheit und der auf ihn zukommenden Kosten mehr als betrübt. Zum Glück hat er sich ja aber noch mal umentschieden und schweren Herzens den Herrn der Ringe und das Silmarillion in Anbetracht der Kosten getrennt.

So etwas finde ich schon interessant, zumal man sich heute darüber keine Gedanken machen muss. Zur Not gibt es E-Books – und viele Self-Publisher greifen auf diese Methode zurück, nicht auch zuletzt, um Kosten zu sparen. Wie Tolkien wohl in der heutigen Zeit gelebt hätte? Wer weiß…

Illustrationen in "Der Fall von Gondolin"

Meine Meinung

Ich kann nicht viel mehr zu dem Buch sagen, außer dass es wieder einmal grandios geworden ist! Als alter „Herr der Ringe“-Fan bin ich immer wieder begeistert, was für eine unvorstellbar große Welt Tolkien in seinem Leben geschaffen hat und wie dieser Mann mit Worten umzugehen weiß.

Figuren, die entstehen, wechseln plötzlich ihre Namen, kleine Szenen werden hinzugefügt und der Meister hört wortwörtlich Stimmen, die ihn dazu bringen, wieder eine Neuigkeit hinzuzufügen.

Dass es für seinen Sohn Christopher Tolkien, der mittlerweile ja auch ein stolzes Alter erreicht hat, keine leichte Aufgabe ist und war, diese unzähligen, handgeschriebenen und zum Teil mit Bleistift geschriebenen Notizen zu sortieren, zu analysieren und zu transkribieren, kann ich mir durchaus vorstellen. Nichtsdestotrotz aber auch eine tolle Aufgabe, wie ich finde – mir würde es, denke ich, Spaß machen, die Arbeit eines verstorbenen Meisters in Reinform zu bringen 😉

Ich kann „Der Fall von Gondolin“ nur jedem Literatur-, Fantasy- und Herr der Ringe-Fan ans Herz legen. Zudem gibt es wieder wunderbare Illustrationen von Alan Lee zu den einen oder anderen Szenen, sowie eine Karte in altbekanntem Rot-Schwarz, die uns auf unserer Reise begleitet. Klare Leseempfehlung!

Interessieren euch solche Art von „Zusatzbüchern“ oder braucht ihr kein Wissen über die Hintergründe? Und: Werdet ihr den neuen „Tolkien“-Film, der in Deutschland am 20. Juni rauskommt, im Kino anschauen?

Ich hatte schon das große Glück, ihn in meinem Urlaub in Irland sehen zu können 😊

Viel Lesevergnügen,
eure Jacqui

Wunderbare Leseeindrücke zu „Der Herr der Ringe“ gibt es übrigens bei Ida von idasbookshelf:

Ida liest sich nach Mittelerde | 2 | Der Herr der Ringe – Die Gefährten

Ida liest sich nach Mittelerde | 3 | Der Herr der Ringe – Die zwei Türme

Ida liest sich nach Mittelerde | 4 | Der Herr der Ringe – Die Wiederkehr des Königs

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8 Kommentare zu „Buchrezension: J.R.R. Tolkien – Der Fall von Gondolin

Gib deinen ab

  1. Danke für die Verlinkung, liebe Jacqui! 🙂
    Mir hat die HdR-Reihe so, so gut gefallen, aber ich drücke mich noch immer vor meiner nächsten Mittelerde-Station, dem Silmarillion… xD Vielleicht sollte ich deine wunderbare Rezension als Motivation nehmen, es endlich einmal zu beginnen! Schließlich stehen auch ‚Der Fall von Gondolin‘ und ‚Die Kinder Húrins‘ schon längst in den Startlöchern. 😀
    Liebste Grüße und dir einen schönen restlichen Sonntag!
    Ida 🙂

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    1. Liebe Ida,
      Ja, das Silmarillion erfordert beim Lesen schon eine ganze Menge Aufmerksamkeit 😄 mein Glück war damals, dass ich echt nicht wusste, worauf ich mich da einlasse…und dann habe ich einfach drauflos gelesen xD
      Ich bin schon gespannt, bei dir darüber zu lesen, wenn du es auch durch das Buch geschafft hast 🙂

      Liebe Grüße!😊
      Jacqui

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      1. Liebe Jacqui,
        Ohja, da sagst du was! 😀 Ich habe jetzt so knapp 100 Seiten im Silmarillion gelesen, und langsam fängts echt an, schwierig zu werden. 😀 Ich kann mir Namen eh immer recht schwer merken, und dann prasseln die auf einen ein, als gäbe es kein morgen! xD Ich muss dann immer ganz beschämt wieder einige Seiten zurückblättern, um mir in Erinnerung zu rufen, wer jetzt wer ist und wer zu welcher Gruppe gehört und aaaah. Das einzige, das ich momentan zu 100% weiß, ist, dass Melkor der Bösewicht ist. xD

        Liebste Grüße,
        Ida 🙂

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      2. Oh ja, mit den Namen erging es mir ähnlich… meine Rettung waren die ganzen Stammbäume im Buch, um zu sehen, wer mit wem verwandt und verheiratet ist xD
        Aber mit Melkor als Bösewicht- da liegst du schon mal goldrichtig 😄

        Gefällt 1 Person

  2. Danke für die sehr gute Rezension. Das Buch ist schon gekauft, wenn auch auf Englisch. Man kann nicht oft genug sagen, wieviel Arbeit darin steckt, die Christopher Tolkien da investieren musste, die Aufzeichnungen seines Vater durchzustöbern. Aber auch die Übersetzer müssen ernsthafte Arbeitszeit investieren, mit all den Namen und phantastischen Sprachen. Was mich zu dem Punkt bringt, dass der alte Tolkien das niemals alles hätte erfinden können, sondern dass Christopher Tolkien hier eine Menge Eigenleistung erbracht hat. Im Grunde ist der Autor Christopher Tolkien, nicht J. R. R. Tolkien. Sag’s ja nur.
    Thorsten J. Pattberg, Autor der Lehre vom Unterschied

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    1. Hi Thorsten und Danke für deinen Kommentar! Ich bin sehr gespannt, was du von dem Buch hältst und vor allem, wie es sich auf Englisch liest. Bisher habe ich nur den Hobbit mal auf Französisch gelesen, jedoch ist die Geschichte etwas kindgerechter geschrieben und daher wohl auch leichter zu verstehen. Ich hab mir die HDR-Trilogie auf jeden Fall auf Englisch noch vorgenommen und bin gespannt, wie es da mit dem Verständnis läuft.
      Ich stimme dir zu, Christopher Tolkien ist für mich da auch der eigentliche Autor, was die Zusatzbücher betrifft – seine Arbeitszeit, die er verwendet hat, ist sicherlich enorm!

      Liebe Grüße,
      Jacqui

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  3. Das Problem, wenn auch nicht hierzulande das Papierproblem, gibts sehr wohl. Wieviele Autoren finden denn, wenn sie nicht zum Selbstverlag greifen und damit auf fast alle (geldwerten) Leistungen der Großen verzichten, einen Verlag? Nicht also der ROhstoff, den wir sicherlich nicht mehr recht zu schätzen wissen, sondern die Akzeptanz beziehungsweise auch die Risikofreudigkeit der Verleger macht es Autoren nicht unbedingt leicht. Hätte T. selbst oder auch, neuer, Frau R. mit ihrem kleinen Zauberer hier eine Chance gehabt? Wo doch lieber Übersetzungen bevorzugt aus dem Englischen genommen werden. Danach kommen dann freilich unzählige Nachahmer, denn sowohl dort wie hier wird ein Sujet, das sich mal verkaufen ließ, ausgelutscht.
    Tolien nun war sicher einer der wichtigsten Autoren der sogenannten Fantasy, einem Bereich, der nun wieder gerade im englischsprachigen BEreich schon lange gern und viel gelesen wird. Und viele andere interessante und große Geschichten hervorgebracht hat. T.H. White oder, schon unbekannter, Cabell nur als Autorenbeispiele.
    Aber auch für mich war der eigentliche Einstieg in diesen Raum Tolkien selbst, der Herr der Ringe, dann der kleine Hobbit, gefolgt vom Silmarillion. Egal, was man von der so sehr in die Guten und die Bösen geschiedenen WElt halten mag, man kann darin versinken, sozusagen in Drachenblut baden. Und sie ist einfach großartig beschrieben.

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    1. Hi und danke für den interessanten Kommentar! Ich denke auch, dass es in der Verlagswelt manchmal an Risikofreudigkeit mangelt. Einige Verlage sind auch auf eine bestimmte Schiene festgelegt, also wer kann es ihnen am Ende verübeln, wenn nicht jedes Buch angenommen wird. Leider gehen so auch sicher viele gute Stimmen im Einheitsbrei der Buchbranche unter.
      Für mich wird Tolkien auch immer zu den absoluten Fantasy-Helden zählen! Schön, dass auch du deinen Einstieg ins Genre über ihn gefunden hast 🙂

      Liebe Grüße!

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