Buchrezension: Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes

Carlos Ruiz Zafón - Der Schatten des Windes

„Ich machte mich auf den Heimweg, um mich zu Hause mit einem guten Buch vor der Welt zu verstecken.“ (271).

Autor: Carlos Ruiz Zafón
OT: La sombra des viento
Deutsche Ausgabe: Frankfurt am Main (6. Ausgabe 2017): Fischer Taschenbuch Verlage
Deutsche Erstausgabe: 2013
Originalausgabe: Barcelona (2001): Editorial Planeta S.A.

Wie viel Literatur lest ihr eigentlich abseits von amerikanischer und deutscher Literatur? Ich persönlich finde es immer wieder eine tolle Abwechslung, einmal Bücher aus anderen Ländern zu lesen. So stieß ich dann auch durch eine Empfehlung auf Instagram auf den spanischen Autor Carlos Ruiz Zafón, der in Barcelona aufwuchs. Den Namen habe ich bis zu dem Zeitpunkt schon häufiger in Buchhandlungen gesehen, aber bisher noch nie etwas von dem Autor gelesen. Wie gut, dass sich das mittlerweile geändert hat! Denn mit „Der Schatten des Windes“ habe ich ein absolut wundervolles Buch kennengelernt.

Worum geht’s?

In diesem Buch begleiten wir in Zafóns Heimatstadt Barcelona den Jungen Daniel Sempere ab seiner Kindheit an bis ins Erwachsenenalter. Sein Vater, ein Buchhändler, nimmt den kleinen Daniel im Jahr 1945 eines Tages mit auf den „Friedhof der vergessenen Bücher“, wo er sich ein Buch aussuchen und behalten darf. Dabei greift er zu dem Buch „Der Schatten des Windes“ von Julián Carax, einen recht unbekannten Autor.

Daniel nimmt über die Jahre immer wieder Forschungen zu dem geheimnisvollen Autor auf. Denn immer mal wieder trifft er auf eine Person, die den Geruch von Rauch immer mit sich zu tragen scheint. Diese Person möchte ihm sein Exemplar von Julián Carax‘ Roman zu einem hohen Preis abkaufen. Doch was hat es damit auf sich? Und warum existieren nur noch wenige Exemplare von den Büchern des Autors?

Auf der Suche nach Antworten trifft Daniel auf interessante Menschen, die Julián gekannt haben. Doch so mancher Mensch möchte sich nur ungern direkt öffnen und scheint außerdem das eine oder andere Geheimnis zu verbergen. Daniel jedoch verstrickt sich immer weiter in die Geschichte und wird schließlich selbst Teil von Julián Carax‘ Weg.

Eine Geschichte der Wiederholungen

Der Roman bietet eine „Geschichte in der Geschichte“. Während wir anfangs Daniel in der Gegenwart folgen, gibt es immer wieder viele Rückblicke von einzelnen Figuren im Roman. Zum Teil finden diese Ereignisse noch vor Daniels Geburt statt, tragen aber sehr zu den Entwicklungen und Erklärungen rund um Julián Carax und seinen engen Vertrauten bei.

Gerade diese Rückblicke fand ich unglaublich interessant, denn so wurde ich als Leserin nach und nach in die Geschichte der Figuren eingeweiht und so manche Wolken haben sich mit der Zeit gelichtet.

Was deutlich wird, ist außerdem die Wiederholung der Geschichte im Laufe der Zeit. Julián und Daniel sind sich als Menschen doch sehr ähnlich. Sie erleben außerdem beide eine tragische Liebesgeschichte und am Ende kommt sogar – jedoch nicht ganz zufällig – der alte Füller von Carax in Daniels Hände, womit sich der Kreis schließt. Weitere Wiederholungen tauchen im Laufe des Buches auch zwischen anderen Figuren auf. Erst am Ende des Buches wird nach 40 Jahren dieser Kreislauf der Wiederholungen mutig durchbrochen…

Ein politisches Buch – gegen des Franquismo

Im Spanischunterricht haben wir damals den Franquismo, oder auch Franquismus im Deutschen genannt, behandelt. Das bezeichnet die Periode der Diktatur Francisco Francos in Spanien vom Jahr 1936 bis in die 70er Jahre hinein, als es die ersten freien Wahlen gab (1977).

Zu Beginn der 2000er Jahre, als das Buch von Carlos Ruiz Zafón erschien, lebte die Erinnerungskultur im künstlerischen Bereich an diese Zeit der Diktatur wieder auf. Dementsprechend positioniert sich Zafón in dem Buch auf der politisch linken Seite. Erwähnung finden die Opfer, die während des Bürgerkriegs ihr Leben lassen mussten und auch die persönlichen Geschichten der Figuren werden immer wieder mit dem Franquismo verknüpft. Sei es Fermín, (Daniels Freund, der im Laden seines Vaters arbeitet), der republikanischer Geheimdienstmitarbeiter war, oder Nuria, die von ihrer Vergangenheit als Oppositionelle während des Krieges erzählt.

„In einem bestimmten Moment sagte sie, es gebe schlimmere Gefängnisse als Worte.“ (411).

Natürlich gibt es auch da so einige Gegenspieler, wie zum Beispiel den rechten Polizisten Javier Fumero, der während des Franco-Regimes skrupellos getötet hat, und nun seine Mordgelüste weiterhin ausübt. Auch der Vater von Daniels großer Liebe Beatriz ist dieser rechten Seite zuzuordnen.

Der Schatten des Windes“ kann, denke ich, als eine Art positive Erinnerung gesehen werden. Zwar handelt es sich ja „nur“ um fiktive Figuren, aber diese repräsentieren viele Menschen, die in dieser Zeit gegen die Diktatur gekämpft haben und, zum Teil anonym, ihr Leben lassen mussten. Der Roman ermutigt dazu, diesen Teil der Geschichte noch einmal aufleben zu lassen und an jene zu denken, die für eine gute Sache gekämpft haben.

Klare Empfehlung

Auch aufgrund des unglaublich schönen und bildreichen Schreibstils ist dieses Buch definitiv zu empfehlen. Ein paar bemerkenswerte Stellen habe ich mir selbstverständlich markiert, denn Zafón hat einen wunderbar metaphorischen Schreibstil und schafft es, mit seinen Worten zum Denken anzuregen.

„Das schwierige ist nicht, einfach so Geld zu verdienen“, klagte er. „Das schwierige ist, es mit etwas zu verdienen, was es wert ist, dass man ihm sein Leben widmet.“ (S. 434).

Aufgrund des Schreibstils, der Aufarbeitung von Geschichte und diesen mysteriösen Zusammenhängen zwischen Personen über viele Jahrzehnte kann ich nur eine große Empfehlung für den Roman aussprechen! Eines Tages werde ich ihn sicherlich auch noch einmal lesen.

Kennst du „Der Schatten des Windes“ oder andere Bücher des Autors? Welche kannst du empfehlen? Schreib es mir gerne in die Kommentare!

Viel Spaß beim Lesen
eure Jacqui

Meine Bewertung im Detail

Handlung ♥♥♥♥♥

Charaktere ♥♥♥♥♥

Sprache ♥♥♥♥♥

Emotionen ♥♥♥♥♥

Gesamt 5/5

4 Kommentare zu „Buchrezension: Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes

Gib deinen ab

  1. Liebe Pusteblume, ich habe den Roman vor vielen Jahren begeistert gelesen und konnte mich in deiner Rezension direkt wiederfinden. Du hast den Kern des Buches wirklich gut erfasst! Ich für meinen Teil habe auf jeden Fall große Lust bekommen, den Roman nach so langer Zeit auch noch einmal in die Hand zu nehmen. Vielen Dank für den Tipp! 🙂
    Kennst du umgekehrt „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier? Dort findet man auch eine Geschichte in der Geschichte und sie lädt auch sehr zum träumen und nachdenken ein. 🙂
    Hab einen schönen Sonntag!

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Johanna,
      das freut mich so sehr, dass dir dieses Buch damals auch so gefallen hat und du nun sogar Lust hast, es noch einmal zu lesen 🙂 Ich werde es in ein paar Jahren sicherlich auch wieder zur Hand nehmen, die Geschichte ist einfach zu schön und auch unglaublich komplex, sodass es schön ist, sie nach einiger Zeit wieder aufzufrischen.

      Von dem Buch „Nachtzug nach Lissabon“ habe ich gehört, jedoch noch nicht gelesen. Das muss ich dann wohl mal nachholen! Klingt spannend 🙂

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      Jacqui

      Liken

  2. Ich habe das Buch vor etwa 8 Jahren gelesen und war damals fasziniert davon. Leider fand ich die anderen Bücher von ihm weniger fesselnd und habe das letzte sogar abgebrochen. Aber „Der Schatten des Windes“ ist in meinem Regal verblieben. Vielleicht lese ich ihn bald nochmal. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Katharina,
      noch ein Fan von dem Buch 🙂 Das freut mich! Hab schon gesehen ,dass es noch weitere Romane zum Friedhof der Bücher gibt. „Der Schatten des Windes“ scheint wohl auch echt am bekanntesten aus dieser Reihe zu sein! Eines Tages werde ich sicherlich mal reinlesen und schauen, wie ich sie finde 🙂

      Ich glaube, dass ich in ein paar Jahren auch noch mal „Der Schatten des Windes“ lesen werde. Die Geschichte ist einfach zu gut und so komplex 🙂
      Liebe Grüße
      Jacqui

      Gefällt 1 Person

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