Buchrezension: Val Emmich, Steven Levenson, Benj Pasek & Justin Paul – Dear Evan Hansen. The Novel

Val Emmich - Dear Evan Hansen

Autoren: Val Emmich, Steven Levenson, Benj Pasek & Justin Paul
OT: Dear Evan Hansen. The Novel
Erschienen: 2018 in Great Britain: Penguin Books
Seiten: 358

Aus einer Lüge kann manchmal eine sehr große Sache werden. Das weiß auch Evan Hansen aus dem (fast) gleichnamigen Buch. Wie mir die Geschichte zu dem allseits beliebten Musical gefallen hat, erfahrt ihr in meiner neuen Rezension.

Worum geht’s?

Evan Hansen ist ein Senior-Schüler an der High School, der schon lange damit Probleme hat, dazuzugehören. Er besucht eine Therapeutin und diese gibt ihm eine Aufgabe: Evan soll jeden Tag einen Brief an sich selbst schreiben, in dem er sich selbst schreibt, warum dieser Tag gut werden wird. Eines Tages entdeckt Connor Murphy, ein Mitschüler von Evan, einen seiner ausgedruckten Briefe und nimmt ihn mit.

Das Schlimme ist, dass Connor sich das Leben nimmt und in Besitz dieses Briefes ist. Nun denkt jeder, dass Evan sein bester Freund war und Connor diesen Brief als Abschiedsbrief an ihn geschrieben hat. In diese Ecke gedrängt, ergibt sich für Evan ein Gespinst an Lügen, aus dem er nicht mehr herauskommt…

Anfangs scheint auch noch alles ganz wunderbar zu laufen, denn Evan hilft Connors Familie dabei, die Trauer zu bewältigen. Sogar zu Zoe, dem Mädchen, das Evan besonders mag, hat er nun Kontakt, denn sie war Connors Schwester. Doch mit der Zeit wird es immer schwieriger, die Wahrheit zu verbergen…

Psychische Krankheiten bei Kindern

Ganz klar steht in „Dear Evan Hansen“ das Thema psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen im Vordergrund. Bei Evan wird es deutlich, weil er eine Psychologin regelmäßig besucht. Ich finde es an der Stelle richtig gut, dass sich der Autor nicht davor scheut, dieses Thema anzusprechen und es außerdem als etwas ganz Normales ansieht, dass Jugendliche Psychologen besuchen können, ohne, dass dem ein Stigma anhaftet.

Evan hat eine soziale Angststörung. Sein Vater hat ihn als Kind verlassen und seine Mutter hat nur wenig Zeit für ihn. Daraus resultiert, dass auch Evan sich selbst in gewisser Hinsicht unzulänglich fühlt. Er ist am liebsten ganz für sich und scheut sich davor, mit anderen Jugendlichen in seinem Alter Kontakt zu knüpfen.

Connor hat ebenfalls psychische Probleme. Er hat Depressionen und zudem ein Drogenproblem, weshalb es mit seiner Familie immer wieder Probleme gibt. Er ist immer wieder wütend und sehr impulsiv, konnte sich jedoch nie Hilfe für seine Situation holen.  In einzelnen Passagen lernen wir außerdem über ihn, dass er einen Freund namens Miguel hatte, der offen homosexuell lebte. Connor scheint eine enge Bindung zu ihm gehabt zu haben – sie hatten mindestens einmal etwas miteinander und er war die letzte Person, zu der Connor vor seinem Tod Kontakt hatte.

Connor und psychische Krankheit als Katalysator der Geschichte

Was mir nach dem Ende der Geschichte negativ aufgefallen ist, ist, dass Connor hier meiner Meinung nach als Katalysator der Geschichte dient und in diesem Zusammenhang auch psychische Krankheiten instrumentalisiert werden, damit Evan aus seinem Schneckenhaus kommt. Korrigiert mich gerne, wenn ihr da ein anderes Bild habt.

Für mich sieht es aber so aus: Connors Probleme werden nie so richtig in der Tiefe behandelt. Seine Eltern und seine Schwester Zoe hatten vornehmlich Stress mit ihm wegen seiner Aggressionen und seines Drogenmissbrauchs. Wenn er schließlich tot ist, möchten sie eigentlich alle nur hören, was für ein toller Typ er eigentlich war. Sie klammern sich an kleinste Strohhalme und wollen den (nicht existierenden, aber fingierten) E-Mail-Wechsel zwischen Evan und Connor sehen, was ich zudem auch ein wenig grenzüberschreitend finde. Niemand möchte sich letzten Endes mit Connors Problemen beschäftigen oder sich gar einmal selbst hinterfragen, warum es dazu überhaupt kommen konnte.

Stattdessen werden die Probleme und der Tod genutzt, damit Evan seiner großen Liebe Zoe näherkommen kann. Evan ist auch ein sehr schüchterner Typ, wenn es um das Ansprechen von Menschen geht, die er wirklich mag. So beobachtet er Zoe lieber aus der Ferne, als auf sie zuzugehen. Ich habe schon von der Kritik gelesen, dass manche ihn deshalb für einen Creep halten, aber ich finde, dass man ihm damit irgendwo unrecht tut. Er hat eine soziale Angststörung – einfach so auf Menschen zuzugehen fällt ihm eben nicht leicht. Er versucht daher auf seine Art diesen Menschen, in dem Fall Zoe, nahe zu sein. Da er ihr nicht aufgelauert oder geschadet hat, finde ich sein Verhalten noch akzeptabel – zudem ist er in Behandlung, damit diese Dinge eben nicht mehr passieren.

Schön finde ich es zu sehen, dass Evan im Laufe der Handlung immer mutiger wird und aus sich herausgehen kann. Er findet nicht nur Freunde, sondern er engagiert sich für das „Connor Project“, das er und eine Freundin ins Leben gerufen haben. Dabei läuft natürlich nicht immer alles glatt, aber das ist nur natürlich und ganz normal, dass es Aufs und Abs in der eigenen Entwicklung gibt.

Außerdem schaffen es Evan und seine Mutter, wieder mehr zueinander zu finden. Aufgrund der Geschehnisse gehen sie aufeinander zu – Evan traut sich, ihr die Wahrheit zu sagen, und seine Mutter Heidi nimmt sich wirklich einmal Zeit für ihren Sohn. Schade ist es für mich nur, dass Connor eben dieser Katalysator ist und seine Situation für die Geschichte „genutzt“ wurde.

„Dear Evan Hansen“: Basierend auf einem Musical

Zu dem Buch muss man auch sagen, dass es auf dem gleichnamigen Musical basiert, das ein großer Broadway-Erfolg war. Ich würde ja gerne mal eine Aufzeichnung davon sehen, um den Vergleich zwischen Musical und Buch zu haben – denn vielleicht wird in den Songs viel mehr ausgedrückt, als das Buch jemals umsetzen könnte.

Geschrieben ist das Buch auf jeden Fall sehr gut. Zwischendurch gibt es immer wieder Kapitel aus Connors Sicht, dessen Seele (oder wie auch immer man es bezeichnen möchte) alle anderen, die leben, beobachtet und uns seine Gefühle und Gedanken mitteilt.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und fand es recht einfach geschrieben. Es ist aus der Ich-Perspektive (Evans Sicht) geschrieben und macht daher seine Gefühle besonders erlebbar.

Alles in allem war „Dear Evan Hansen“ kein Highlight aufgrund der Problematik der Instrumentalisierung einer psychischen Erkrankung, aber insgesamt einfach ein bewegendes Buch, zu dem ich gerne einmal das Musical sehen würde.

Nun seid ihr dran: Kennt ihr das Buch oder das Musical?

Ein Kommentar zu „Buchrezension: Val Emmich, Steven Levenson, Benj Pasek & Justin Paul – Dear Evan Hansen. The Novel

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