Buchrezension: Markus Zusak – Nichts weniger als ein Wunder

Markus Zusak - Nichts weniger als ein Wunder

Autor: Markus Zusak
Titel: Nichts weniger als ein Wunder
OT: Bridge of Clay
Erschienen: 2019 im Limes Verlag (Deutschland)
Seiten: 640

Manchmal gibt es diese Bücher, die einen mit ihrer Wortgewalt einfach umhauen und sprachlos zurücklassen. Es sind nicht immer die actiongeladenen Bücher, in denen so viel auf einmal passiert, sondern die leisen Bücher, die einem nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

So ging es mir mit Markus Zusaks Roman „Nichts weniger als ein Wunder“, welcher mir als Rezensionsexemplar im E-Book-Format vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt wurde. Vielen Dank dafür!

Worum geht’s?

Markus ZusaksNichts weniger als ein Wunder“ handelt von den fünf Dunbar-Brüdern und ihrer Geschichte. Nach dem Verlust ihrer geliebten Mutter und dem Verschwinden des Vaters sind die Kinder, die vom Teenie-Alter bis zum Erwachsenen-Alter reichen, auf sich selbst gestellt.

Die Brüder leben ihr Leben; sie streiten sich, sie lieben sich, sie sind füreinander da. Und jeder hat seine eigene Strategie mit dem Verlust der Eltern umzugehen.

Der junge Clay Dunbar betreibt zum Beispiel gerne Sport; er rennt und rennt und muss an sein Limit kommen, um zufrieden zu sein. Doch Clay ist es auch, der immer eine besondere Beziehung zu den Eltern hatte. So ist es auch nicht verwunderlich, als der Vater der Dunbars zurückkommt, um den Jungen zu beten, mit ihm zu kommen und ihm zu helfen, eine Brücke zu bauen. Während die anderen vier Brüder skeptisch gegenüber dem heimgekehrten Vater sind, willigt Clay ein, mit ihm zu kommen und dafür sogar die Schule abzubrechen.

Um zusammen eine Brücke zu bauen.

Wenn Trauer eine Panzerfaust im Leben ist

Nichts weniger als ein Wunder“ ist einer dieser leisen Romane. Mit seinen 640 Seiten ist das Buch ein ganz schöner Klopper, jedoch passiert weniger, als man sich anfangs denken würde.

Hier geht es vor allem um eine Familiengeschichte. Um das alltägliche Leben von fünf Jungs, die auf sich selbst gestellt sind. Viel Zeit wird jedoch auch mit Rückblenden aufgewendet. Wir erfahren, wie Mutter Penelope von ihrem Vater dazu gebracht wurde, aus Polen auszuwandern und nach Australien zu gehen. Wir erfahren in einem der Hauptplots, wie sie ihr Leben lebte und wie sie schließlich der Krebs erwischte. Und wie sie gegen ihn verlor.

Auch Michael Dunbar, den Vater der Jungs, lernen wir kennen. Er ist kein aufregender Typ – erscheint aber doch in den Rückblenden als sympathischer Mann, der für seine erste Frau jedoch zu langweilig war. Sowas tut weh, doch in Penelope fand er sein zweites Glück. Als er die Kinder nach dem Tod Penelopes, die auch Penny genannt wird, verlässt, nennen ihn die Kinder oft nur noch „der Mörder“.

Einen wichtigen Teil nimmt Clay ein, der dem Buch im Englischen seinen Namen gibt („Bridge of Clay“). Clay ist ein besonderer Junge: Er liebt die Geschichten, die ihm seine Eltern erzählen, er hat eine spezielle Beziehung zu seiner Mutter und er verbringt sogar ihre letzten Stunden mit ihr. Von diesen Stunden trägt er immer ein Andenken bei sich: Eine der Wäscheklammern, die sie beim Schauen in den Himmel im Garten an der Wäscheleine gesehen haben.

Clay ist sensibel und geht behutsam mit dem Mädchen seiner Träume um: Carey, eine Pferdeliebhaberin und angehender Jockey. Doch auch in der Liebe muss er merken, dass junge Menschen nicht von schlimmen Schicksalen verschont bleiben…

Clay lässt seine Wut und seine Trauer beim Sport raus, bei dem er gerne einsteckt: Seine Brüder organisieren oftmals einen Parcours für ihn, der es in sich hat. Erst, wenn Clay verletzt ist, wenn es ihm wehtut, erst dann hat er genug. Denn der Schmerz und die Trauer um seine Mutter sitzen tief.

„Da draußen, im Inneren der Vorstadtwelt, lief ein Junge mit einem Maultier durch die Straßen. Sie waren auf dem Weg zu einer Brücke in Silver, und sie nahmen das dunkelste Wasser mit sich.“ (S. 584).

Umso schöner ist es, als Michael, der Vater, wieder auftaucht und Clay bittet, eine Brücke mit ihm zu bauen. Clay lässt sich darauf ein und geht mit ihm weg, um sich vollkommen dem Brückenbauen zu verschreiben. Clay hat eine Vorliebe für Kunst und Brückenarchitektur und kann deshalb vollkommen in der Aufgabe versinken. Dabei kommt er seinem Vater näher: alte Wunden werden zwar wieder aufgerissen, doch sie fangen auch an zu heilen.

„Wir müssen sie vollkommen machen“, sagte er. „Wir müssen sie großartig machen.“
Er drehte sich um und schaute zum Fluss.
Nichts weniger als ein Wunder. (S. 603)

Und so wird nicht nur eine Brücke im wortwörtlichen Sinn gebaut, sondern sie ist auch eine Metapher für das Verhältnis zwischen den Dunbar-Jungs und dem Vater. Die Brücke, die ganz langsam entsteht, sorgt dafür, dass sich alle wieder einander annähern können – da macht auch eine Sturmflut am Ende nichts mehr aus.

Sprache und Aufbau

„Penny Dunbar gelang es stets, allein durch ein einziges Fragment die ganze Geschichte zu erzählen, aber dies hier waren Stücke, die Stücke blieben – Fragmente und vorbeiziehende Augenblicke.“ (S. 207-208).

Das Buch ist in 8 Teile eingeteilt, deren Namen jeweils aus verschiedenen Begriffen bestehen. So heißt Teil 1 zum Beispiel „Städte“, Teil 2 heißt „Städte + Wasser“, Teil 3 „Städte + Wasser + Übeltäter“. So kommen immer mehr Begriffe hinzu, die den jeweiligen Teil gut beschreiben. Die einzelnen Kapitel sind mal länger und mal kürzer, sodass man auch mal mit weniger Lesezeit gut voranschreitet.

Wie schon anfangs erwähnt, gibt es immer wieder Rückblenden. Es werden immer zwei Hauptgeschichtsstränge in einem Teil verfolgt, wobei einer davon von der Vergangenheit handelt und der andere von der Gegenwart. Dabei schafft es Zusak, dass diese Stränge nie zufällig ausgewählt sind, sondern dass Vergangenheit und Gegenwart immer ein Verbindungsglied haben.

Der Aufbau der Geschichte geht sehr langsam vonstatten. Ich vermute, dass einigen Lesern das nicht gefällt – ein Reinlesen in die Kommentare bei Goodreads hat das bestätigt. Jedoch kann ich nur an alle appellieren, dass ein langsamer Erzählstrang und viel Ausarbeitung keinesfalls schlecht sein müssen! Denn hier tauchen wir intensiv in das Leben der Familie ein und lernen unterschiedliche Charakterzüge genau kennen, sodass es zum Beispiel schwierig ist, den Vater Michael als nur unsympathisch zu sehen – denn auch er hat seine Gründe, die im Buch ausgearbeitet werden und so zu einem vielschichtigen Charakterbild führen.

Zudem ist Markus Zusaks Sprache ein wirkliches Vergnügen! Dieser Mann nutzt Vergleiche, Allegorien und Metaphern wie kaum ein anderer und das ließ mich oftmals innehalten und eine Passage nochmals lesen. Es fällt mir fast etwas schwer, einzelne Zitate rauszuhauen, denn oftmals muss man diese im Kontext sehen, um sie ganz würdigen zu können. Dennoch will ich dir natürlich gerne ein paar Leckerbissen geben, um dich zum Lesen zu überzeugen 😉

„Als er kam, fiel es ihm schwer, uns anzuschauen. Uns ging es genauso.
Er war eine Biegung nach unten, ganz und gar zerbrochen. Ein ödes Land in einem Anzug.“ (S. 399).

Alles in allem kann ich „Nichts weniger als ein Wunder“ als Roman über Familie, Trauer und Vergebung nur wärmstens empfehlen. Wer wissen will, wie gutes Schreiben geht, ist hier genau richtig!

Welche Bücher kennst du von Zusak? Zum Beispiel „Die Bücherdiebin“ oder seinen neuesten Roman? Verrate es mir gerne in den Kommentaren!

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About mademoisellepusteblume

Hi! Ich bin Jacqui und noch sehr neu in der Welt des Bloggings. Nachdem ich mir immer vorgestellt hatte, einen Blog über Dinge zu führen, die mich und möglicherweise auch Andere interessieren, setze ich dieses Vorhaben nun in die Tat um. Momentan bin ich noch Studentin der Film- und Medienwissenschaften. Ich liebe Bücher, Filme, Serien und Musik über alles. Auch Fotografieren, Sport machen, Sprachen und die Natur erkunden gehören zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich hoffe, die einen oder anderen Leser auf eine Reise durch meine Gedanken mitnehmen zu können!

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